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Fassade mit Charakter

  • vonOliver Schepp
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Die Alte Post erstrahlt in neuem Glanz. Oder besser gesagt: in altem. Die Sanierung der Fassade ist weit fortgeschritten und soll in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Dabei trifft modernste High-Tech auf Materialien, die schon beim Bau des Gebäudes vor 157 Jahren verwendet worden sind.

Wir schreiben das Jahr 1863. Auf den Gießener Straßen klappern Pferdekutschen über das Kopfsteinpflaster. Autos, geschweige denn Lastwagen, sind noch eine ferne Utopie. Aber zum Glück liegt Gießen an der Lahn. Denn die schweren Steinbrocken, die vom Niederweimarer Steinbruch an den Gießener Bahnhof gebracht werden müssen, sind für die Gäule eindeutig zu schwer. Die Lösung: Auf großen Flößen schippern die Sandsteinbrocken auf der Lahn zu ihrem Bestimmungsort.

Heute, 157 Jahre später: Kai Laumann steht vor der Alten Post und beobachtet, wie die Steinmetze die Fassade verfugen. Beim Gedanken an die Floßfahrten kommt der Bauherr geradezu ins Schwärmen. "Was für eine Herausforderung es gewesen sein muss, diese Mauern ohne moderne Techniken aufzubauen." Das bedeutet aber nicht, dass die Sanierung der Alten Post in der heutigen Zeit ein Kinderspiel wäre. Im Gegenteil.

Fassade kostet fast 900 000 Euro

Neben der Rekonstruktion der Fenster ist die Aufarbeitung der Fassade das teuerste Gewerk bei dem ohnehin kostspieligen Projekt. Knapp 900 000 Euro kostet die Aufbereitung der Sandsteine. "Dazu musste die gesamte Fassade zunächst mit einem Laserscan erfasst werden. Bei dieser Kartierung werden alle Steine einzeln erfasst und nummeriert", erklärt Laumann. Dadurch könne dem Denkmalschutz verdeutlich werden, welche Steine bleiben können, welche herausgenommen und überarbeitet oder auch ersetzt werden müssen.

Moderne Sandsteine kommen heute oft aus riesigen Steinbrüchen in China oder Indien. Laumann und den Vertretern der Denkmalschutzbehörde war das aber nicht authentisch genug. "Wir wollten die Alte Post mit dem selben Steinmaterial sanieren, mit dem auch damals gebaut worden ist."

Und so kontaktierten sie den kleinen Steinbruch in Niederweimar, ließen dort große Felsbrocken herausbrechen und nach Gladenbach zu einem Schneidebetrieb bringen. "Dort wurden die Felsen in kleine Blöcke geschnitten, damit sie von den Steinmetzen in Dinkelsbühl bearbeitet werden konnten", erklärt Laumann. Die Firma Herbst aus Bayern ist Spezialist auf diesem Gebiet. Sie kennt sich aus mit denkmalpflegerischen Aufgaben. Für Laumann ein ganz entscheidender Aspekt. "Wir wollten die Fassade nicht totsanieren. Sie sollte ihren Charakter behalten."

Spezialisten aus Bayern am Werk

Was der Bauherr meint, wird beim Blick auf die andere Straßenseite deutlich. Die Fassade der neuen Post ist aus modernen Sandstein gefertigt, die einzelnen Steine sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Beim historischen Pendant ist das anders.

"Die Steine dort oben", sagt Laumann und zeigt auf eine Stelle an der Frontseite der Fassade, "sind wegen Ruß so dunkel. Schließlich sind hier jahrelang die alten Dampfloks vorbeigefahren." Auch rund um die Regenrinnen sind die Steine verfärbt, was daran liegt, dass die Fallrohre jahrelang nicht repariert worden sind. "Dadurch ist das Wasser in die innere Schicht der Steine gesickert."

Ähnlich verhält es sich mit dem Sockelbereich. Das mit Streusalz vermengte Regenwasser, das durch die Fahrzeuge an die Wand gespritzt wurde, hat den Steinen ebenfalls ordentlich zugesetzt. All diese Einflüsse haben dafür gesorgt, dass um die 45 Kubikmeter Steine aus- und wieder eingebaut werden mussten. Alles mit der nötigen Behutsamkeit, wie Laumann betont. "Ich finde, die Fassade wirkt dadurch sehr harmonisch. Manche Teile sind alt, manche neu, sie bestehen aber alle aus dem gleichen Stein. Dadurch wirkt hier alles sehr lebendig."

Diese detailverliebte Arbeit hat nicht nur ihren Preis, sie dauert auch. Laumann lacht: "In der gleichen Zeit haben wir auf der anderen Seite das Telegrafenamt saniert, einen Neubau hingestellt und Klarna ist eingezogen."

Spätestens im Juli sollen dann aber auch die Fassadenarbeiten endgültig abgeschlossen sein. Laumann macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Ergebnis zufrieden ist. "Wir wollten, dass man dem Gebäude seine bewegte Geschichte ansieht. Das ist uns gelungen."

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