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Pianist Markus Becker brilliert am Flügel mit rhythmisch-dynamischem Impetus und überragender Technik.

Farbiges Klang-Universum

  • VonDr. Olga Lappo-Danilewski
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Im zweiten Sinfoniekonzert der Spielzeit erklang Olivier Messiaens Orchesterwerk »Von den Canyons zu den Sternen« im Stadttheater. Am Flügel einer der bedeutenden deutschen Pianisten: Markus Becker.

Vogelgezwitscher mit Surround-Effekt empfängt die Theatergäste im Großen Haus, die hintere Wand des Konzertraums ist keine Begrenzung mehr, sondern saugt den Blick ein in rot und golden leuchtende Felsformationen, linear schwingende Erdschichten, Schluchten und bizarre Steinnadeln. Zwischen den dramatischen die ruhigen, horizontal schwebenden Konturen von Wald- und Feldlandschaften.

Diese in Überblendtechnik projizierte Bilderwelt aus der urzeitlichen Natur des Bryce Canyon war die gelungene Einstimmung zur musikalischen Welt des Orchesterwerks »Des Canyons aux Étoiles« von Olivier Messiaen (1908-1992). Den Auftrag dazu hatte der französische Komponist 1971 anlässlich des bevorstehenden 200. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeit angenommen; Inspiration holte er sich bei einem Studienaufenthalt in Utah/USA. Die Uraufführung erfolgte 1974 im Lincoln Center in New York, in Europa erstaufgeführt wurde das Opus ein Jahr später im Pariser Théâtre de la Ville.

Auch in Gießen nun eine »Erstaufführung« im Stadttheater. Ein komplexes Werk, hohe Ansprüche an die Ausführenden der Soloparts und intensive Arbeit im Ensemble - davon ließen sich GMD Florian Ludwig und das Philharmonische Orchester Gießen bei der Wahl des eineinhalbstündigen Stücks locken. Die außergewöhnliche Besetzung aus vielerlei Schlagwerk bis hin zum Aeoliphon, der »Windmaschine« in Form einer Trommel mit Kurbel, diversen Glocken, Rasseln, dazu üppiges Blech, das war am Dienstagabend schon rein optisch eine interessante Bestückung des Konzertzimmers.

»Mocking Bird« in Tastensprache

Messiaen bezeichnete sich gern als »Komponist, Ornithologe und Rhythmiker«. Neben dem akademischen Aspekt (er gab am Pariser Conservatoire Analyse-Kurse und hatte eine Professur für Komposition inne) spiegelt sein Schaffen aber auch sehr sinnlichen Zugang zur Welt der Klänge wider. Gelegentlich konnte man den Organisten in den physisch spürbaren machtvollen Tutti und gehaltenem Klavierpedal heraushören. Am Flügel einer der bedeutenden deutschen Pianisten: Markus Becker, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, brillierte am Flügel mit rhythmisch-dynamischem Impetus. Mit überragender Technik ließ er den »Mocking Bird« in Tastensprache lebendig werden, ließ auch mal bei gehaltenem Pedal die Unterarme auf den Tasten ruhen.

Sein Spiel fand funkelnde und glitzernde Ergänzung durch die Protagonisten zu seiner Linken. Richard Putz hoch konzentriert an der Xylorimba und Sergey Mikhaylenko am Glockenspiel. Sie unterstrichen die Farbigkeit quasi mit »Weißhöhungen«, um das einmal mit der synästhetischen Klang-Farb-Sicht des Komponisten auszudrücken. Ein Sonderlob gebührt auch dem 1. Hornisten des hauseigenen Orchesters, Martin Gericks, der seinen interstellaren Appell mit technischen Raffinessen wie Glissandi und Flatterzunge zu einem atemberaubend kunstvollen Solo gestaltete und mit linear-melodiösen Spiel für Ausgleich zur vorherrschenden staccatierten Rhythmik sorgte.

Die zwölf bildhaft betitelten Sätze greifen ineinander über durch die charakteristischen Stimmen identifizierbarer Vögel, übersetzt in spezifisch instrumentale Sprache wie harte Akkordschläge des Klaviers. Kontraste mit ruhigen, schwebenden Passagen der Streicher und choralhaft eingesetztem Blech führten in ruhigere Gefilde. Geradezu durchgeistigt und visionär gestaltete das Orchester den abschließenden Satz vom Park Zion und der Vorstellung des »Himmlischen Jerusalem« (»Zion Park et la cité céleste«): Hier kreisen Variationen um den Grundton »a«. Bei allem Bombast der Orchestrierung schien die Unendlichkeit und Pracht des Universums im harmonischen Schluss-Akkord hörbar - sehr sinnlich, wie das ganze vielschichtige Konzerterlebnis.

Lang anhaltender (Trampel-)Beifall für die Protagonisten, den souveränen Mann am Pult und die Philharmonie für ein beeindruckend gelungenes Wagnis.

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