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VOR 75 JAHREN

Fanatismus, Angst, Tod

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Am 6. Dezember jährt sich mit dem schweren Bombenangriff auf Gießen die größte Zäsur der Stadtgeschichte zum 75. Mal. Wie blicken junge Menschen, die fast 60 Jahre später geboren wurden, auf die Geschehnisse von damals? Die Gesamtschule Gießen-Ost bereitet in Kooperation mit der GAZ für den Jahrestag eine große Veranstaltung vor.

Wer sich an diesem trüben November-nachmittag vor rund drei Wochen in ei-nes der Foyers der Gesamtschule Gießen-Ost verirrt hatte, der hätte wohl seinen Ohren nicht getraut. Durch die Tür der Aula dringen Marschmusik und Gesang nach draußen: "Es zittern die morschen Knochen..." Das Nazilied kommt vom Band, dann wieder als Gesang aus jungen Kehlen, der sich mit dem Marschtritt vermischt. "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Drinnen wird klar, dass es hier nicht um Neonazi-Umtriebe an einer Gießener Schule geht, sondern um die künstlerische Annähe-rung an ein ernstes Thema. Zu diesem Zweck ist die Verwendung des Propagandalieds er- laubt, ansonsten ist das Abspielen solcher Stücke aus der Nazizeit in Deutschland verboten. Drei Oberstufenkurse Darstellendes Spiel ar-beiten an Szenen und Bildern, die sie am 6. De-zember bei einer Veranstaltung zum 75. Jahrestag der Kriegszerstörung Gießens im Zweiten Weltkrieg in der alten Kunsthalle der Kon-gresshalle zeigen wollen.

Szenen mit hoher Symbolkraft

Nationalsozialismus und Krieg haben die 18-und 19-Jährigen im Unterricht durchgenom-men, aber diese Konfrontation mit der ganzen Wucht und Härte, mit der Gießen im Dezem-ber 1944 von der Kriegsmaschinerie getroffen wurde, ist etwas anderes. "Den Schülerinnen und Schülern ist es nicht leichtgefallen, sich in die Texte einzuarbeiten", erzählt Lehrer Jens Häuser. Auf einem Tisch am Rande der Übungsfläche liegen alte Zeitungsausschnitte und Kopien mit Augenzeugenberichten. "Frontstadt Gießen ungebrochen", "Terrorbomben- auf Gießen", lauten Überschriften der von Propaganda durchtränkten Artikel. Zwischendurch werde Popmusik gespielt, damit die jungen Leute den Kopf freibekommen. Und nicht nur die. "Es handelt sich hier leider um echte Ohrwürmer", sagt Lehrer Hannes Roos.

Besonders beeindruckt zeigen sich die Lehrer von der eigenständigen Herangehensweise und Kreativität ihrer Schüler: "Wir haben nur das Material und die Techniken hereingegeben, alles andere haben die Schülerinnen und Schüler selbst erarbeitet", stellt Lehrer Jens Häuser fest.

Beim Darstellenden Spiel sollen Szenen und Bilder mit Symbolkraft entstehen. Die Schüler/ innen stampfen singend durch die Aula, alle zehn Meter sinken drei zu Boden, bis nur noch eine/r übrig ist. Schüler/innen und Lehrer dis-diskutieren die Frage, ob der/die letzte leise und geschockt oder laut und trotzig weitersingen soll.

Dann ist der Kurs von Waltraud Montag an der Reihe, die Aula ist in rotes Licht getaucht, aus den Lautsprechern dringt das Geräusch von Sirenen, Flugzeugmotoren und Explosionen, künstlicher Nebel wabert über die Bühne. Personen mit Koffern irren umher, eine Schülerin schreit: "Ich muss zum Marktplatz", ein Schüler schreit zurück: "Da kannst du nicht hin, die ganze Stadt brennt."

Am Ende verlassen die Schüler/innen nach und nach die abgedunkelte Bühne und sagen dazu "Nein", zurück bleiben geöffnete Koffer und ihre Schuhe. Ein starkes Bild, das nach Meinung von Hannes Roos aber einen Fehler enthält. Ein kollektives Nein habe es damals auch in Gießen nicht gegeben, argumentiert er in der Nachbesprechung der Szene.

Es ist richtig harte Arbeit, die die gut 30 Schüler/innen leisten. Vier Stunden lang, mit einer fünfminütigen Pause, dauert der Workshop. Die vielen im Unterricht erarbeiteten Ideen müssen auf maximal 20 Minuten und eine Handvoll Szenen eingedampft werden. Wie stellt man Massengräber oder Verschüttete dar? Das Stichwort "Poppe-Keller" fällt. Dann wird die nächste Szene aufgerufen: "Die mit den Leichentüchern".

Wie setzt man das Thema Krieg in Szene? Schüler/innen der Kurse Darstellendes Spiel der Gesamtschule Gießen-Ost üben für ihren Auftritt am 6. Dezember in der Kongresshalle. Zur Vobereitung gehört das Studium von Zeitungen aus der damaligen Zeit. Fotos: Schepp

Das Programm:Zum 75. Jahrestag der Kriegszerstörung Gießens am Freitag, dem 6. Dezember, laden die Gesamtschule Gießen-Ost gemeinsam mit der Gießener Allgemeinen und der Stadt Gießen zwischen 16 und 18 Uhr zur Eröffnung einer Kunstausstellung in die Kunsthalle der Kongresshalle ein. Schüler/innen aus den Kursen Darstellendes Spiel setzen sich mit dem Thema Krieg szenisch auseinander. Die Ausstellung wird von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz eröffnet und bleibt bis einschließlich Mittwoch geöffnet.

Der Hintergrund:Anfang Dezember 1944 wurde die alte oberhessische Provinzhauptstadt Gießen bei einer Angriffsserie allierter Bomberverbände zerstört. Der schwerste Angriff war der am Nikolausabend: 254 Maschinen der 5. britischen Bombergruppe warfen zwischen 20.03 und 20.27 Uhr gut 1200 Tonnen Bomben verschiedenster Kaliber ab. Der Bombenkrieg forderte insgesamt 813 Opfer, davon starben rund 400 bei der Angriffsserie am 2./6./11. Dezember. Der Zerstörungsgrad lag bei 70 Prozent.

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