Konrektorin Anke Fink heißt die Kinder und Eltern in der Familienklasse der Ludwig-Uhland-Schule willkommen. Dort und an der Grundschule West läuft das pädagogische Projekt seit einem Jahr. FOTO: MÖ
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Konrektorin Anke Fink heißt die Kinder und Eltern in der Familienklasse der Ludwig-Uhland-Schule willkommen. Dort und an der Grundschule West läuft das pädagogische Projekt seit einem Jahr. FOTO: MÖ

Hilfe für Kinder

Gießen: Das steckt hinter Familienklassen - Und so kommen sie an

  • Burkhard Möller
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Vor einem Jahr startete auch in Gießen das Projekt Familienklassen. Eltern, die mit ihren Kindern mitgemacht haben, haben die Angst vor einem Makel überwunden und ziehen eine rundum positive Bilanz. "Es tut total gut. Ich bin aufgefangen worden", sagt eine Mutter.

Im Juni vor einem Jahr mussten sie sich bereits einmal überwinden, um mitzumachen. Ein Jahr später überwinden sich zwei Mütter und ein Vater wieder und reden vor einem Journalisten über die Probleme bei der Erziehung ihrer Kinder. Die Offenheit und auch das Selbstbewusstsein, dass die Eltern getankt haben, hat etwas mit der Erfahrung zu tun, die sie in der Familienklasse der Ludwig-Uhland-Schule (LUS) gemacht haben. "100 Prozent der Eltern haben Baustellen bei der Erziehung ihrer Kinder. Manche sind größer, manche kleiner", sagt eine der Mütter.

Das Konzept der sechs bis acht Schüler/innen umfassenden Familienklassen ist keine Gießener Erfindung. Im vergangenen Jahr entschloss sich der Magistrat, mit zwei Grundschulen einzusteigen, nachdem es im benachbarten Lahn-Dill-Kreis, wo es seit 2010 Familienklassen gibt, gute Erfahrungen mit dem Konzept gegeben hat. "Die Ergebnisse haben uns überzeugt", erklärt Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser, die zu Wochenbeginn mit der LUS und der Grundschule West sowie dem Kooperationspartner Albert-Schweitzer-Kinderdorf Wetzlar eine erste Bilanz zieht. Gleich zu Beginn des Pressegesprächs kündigt sie an: "Wir wollen die Standorte ausweiten."

Das vom Land Hessen unterstützte Projekt sieht so aus, dass an einem Tag in der Woche Eltern oder auch Großeltern gemeinsam mit den Kindern bzw. Enkeln die Schule besuchen. Die Teilnahme ist freiwillig und erfolgt nach vorheriger Beratung durch die Schulleitung. "Wir sprechen die Eltern an, wenn unsere Lehrer/innen im Unterricht Verhaltensauffälligkeiten feststellen", sagt Schulleiter Jan-Hendrik Schneider.

Für die Eltern war das nicht neu; der Umgang zum Beispiel mit ADHS bestimmt natürlich auch den außerschulischen Familienalltag. In der Familienklasse wollten sie sich dem Problem in der Schule stellen, professionell unterstützt von Multifamilientherapeut Christian Hahlgans und Förderschullehrerin Petra Drescher, die vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf kommen.

"Irritierende Reaktionen" habe es im Freundeskreis gegeben und sie sei gefragt worden: "Wie? Ihr müsst da hin", erzählt eine der beiden Mütter und fügt hinzu. "Da kriegst Du den Stempel." LUS-Leiter Schneider kennt das: "Familien müssen immer toll funktionieren, aber sie funktionieren eben nicht immer toll."

Dass andere die gleichen Probleme haben, sei eine ganz wertvolle Erfahrung gewesen, berichten die Eltern übereinstimmend. "Diese gemeinsame Erfahrung tut total gut. Ich bin hier aufgefangen worden", sagt eine Mutter und der zunächst skeptische Vater erkannte bereits nach einigen Wochen an sich selbst eine Veränderung: "Man wird irgendwie ruhiger."

In der Regel dauert der Aufenthalt in einer Familienklasse ein halbes Jahr, die Dauer kann aber auch verkürzt oder verlängert werden. "Es ist ein flexibles System", erläutert Christian Scharfe, Leiter des Kinderdorfs in Wetzlar. Diese Flexibilität schließt auch ein, dass die Eltern mit ihren Kindern den Unterricht auch mal verlassen können, wenn ein Gespräch unter vier Augen nötig ist. Die Vermittlung des normalen Lernstoffs leidet darunter nicht, betont Schulleiter Schneider: "Das Klischee, dass die Kinder dabei nichts lernen, ist Unfug."

Alle drei anwesenden Eltern bestätigen neben dem pädagogischen Zugewinn Lernerfolge. Scharfe: "Nach unserer Erfahrung stabilisieren sich die Familien nach mehreren Wochen, nach den ersten Monaten zeigen sich Leistungsverbesserungen und eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit bei den Kindern."

Ein begrüßenswerter Nebeneffekt ist laut LUS-Leiter Schneider, dass die Familienklassen das gegenseitige Verständnis von Schule und Eltern fördern. Apropos Nebeneffekt: Für die Bewältigung der Corona-Krise in den eigenen vier Wänden sei die vorherige Erfahrung der Familienklasse "ein schöner Benefit gewesen", sagt eine der beiden Mütter.

An welchen Grundschulen die nächsten Familienklassen eingerichtet werden, steht noch nicht fest. Bedarf gibt es überall: "Wir wollen die Breite der Stadt abbilden. Das ist ein Angebot für alle Eltern", sagt Stadträtin Eibelshäuser.

Die Ziele der Familienklasse

  • Kinder lernen, den Schulalltag in der Stammklasse besser zu bewältigen.
  • Kinder werden unterstützt, die eigenen Lernziele zu erreichen.
  • Die Erziehungskompetenz der Eltern wird gestärkt.
  • Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wird verbessert.
  • Die Kooperation zwischen Eltern und Schule wird gefördert.
  • Die Sozialkompetenz der Kinder wird gestärkt.

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