Familien im Ausnahmezustand

  • vonSebastian Schmidt
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Gießen(seg). Die Einschränkungen durch die Corona-Krise belasten: Manche Menschen sitzen 24 Stunden aufeinander, fürchten um ihre Existenz, langweilen sich. Diese Situation führt dazu, dass in manchen Familien mehr gestritten wird. Das merken die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kinder- und Jugendtelefons in Gießen, wie Leiterin Kristina Lehfeldt erzählt.

Dabei werden die Probleme von den Kindern anfangs nicht mit Corona in Verbindung gebracht. "Erst im Laufe des Gespräches merken wir, dass die Situation in der Familie nicht gut ist", sagt Lehfeldt. Manche Familien befinden sich in einer Ausnahmesituation, die zu Problemen führe.

Die 25 ehrenamtlichen Mitarbeiter würden bereitstehen. Die meisten, die anrufen, suchen jemanden zum Reden, und es helfe bereits, wenn sie sich aussprechen können, erklärt Lehfeldt. Die Berater unterstützen die Kinder und Jugendlichen dabei, ihre Gedanken besser zu strukturieren. "Wir merken im Gespräch mit den Kindern, wie gut ihnen das tut."

Die Anrufe aus Gießen hätten in den letzten Tagen zugenommen, sagt Lehfeldt. "Das Telefon klingelt häufiger, und die Gespräche dauern auch länger", erklärt die Leiterin. Dabei gehe es nicht immer um Streit mit den Eltern oder Geschwistern. "Manchen ist auch einfach langweilig, und sie wissen nicht, was sie mit sich machen sollen", sagt Lehfeldt. Gerade für die Älteren sei es ein Problem, dass sie nicht zum Sport gehen können. Die Kinder spüren, dass die Situation etwas mit ihnen macht. "Wir bekommen dann auch zu hören, dass sie merken, dass sie selbst schneller aufbrausen als sonst." Medizinische Fragen stellen die anonymen Anrufer aber eher selten.

Manchmal bleibt es aber nicht nur beim Streit. Häusliche Gewalt ist immer ein Thema bei ihnen, auch jetzt, sagt die Leiterin. Hier gibt es ebenfalls Fälle, die vor der Corona-Krise von den Kindern noch nicht als problematisch empfunden wurden. Ein Kind habe gesagt: "Mein Papa hat mir eine geknallt, dass macht er normalerweise nicht." Wenn die Hilfe, die die Ehrenamtlichen per Telefon leisten, nicht reicht, werden die Anrufer auch an andere lokale Hilfseinrichtungen vermittelt.

Besonders toll findet Lehfeldt, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Beratungs-Hotline sich in der Krise für mehr Dienste eingetragen haben.

Die Einrichtung ist dennoch immer auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Im Moment können aber keine Schulungen durchgeführt werden.

Das Kinder- und Jugendtelefon erreicht man montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 11 61 11.

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