Ben Salomo ist es leid, auf Antisemitismus im Deutsch-Rap aufmerksam zu machen, ohne dass sich etwas verändert. FOTO: GL
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Ben Salomo ist es leid, auf Antisemitismus im Deutsch-Rap aufmerksam zu machen, ohne dass sich etwas verändert. FOTO: GL

"Fallt nicht darauf rein!"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Gießen(gl). Rapper Ben Salomo spricht die Sprache, die Jugendliche verstehen. Als Gründer der Battle-Rap-Reihe "Rap am Mittwoch" hat der Berliner mit israelischem Pass geholfen, Rapper wie Capital Bra groß zu machen. Auf Youtube hatte er damit rund 420 000 Abonnenten. Sein Wort hat Gewicht. Und das macht sich auch die Friedrich-Naumann-Stiftung zunutze und schickt den 43-Jährigen im Rahmen der Kampagne "Clapforcrap" in die Schulen. Denn Salomo ist Jude und hat sich aus Protest gegen die antisemitischen Auswüchse im Deutsch-Rap 2018 aus der Szene zurückgezogen. Er will Jugendlichen die Augen öffnen und warnt: "Fallt nicht darauf rein."

"Leider hat sich über Jahre in der Rap-Szene ein unglaublicher Antisemitismus aufgebaut", stellt Salomo fest, als er am Mittwochmorgen vor rund 120 Schülern der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten spricht. Viele seiner Zuhörer sind offenkundig Muslime. Was Antisemitismus für einen Juden persönlich bedeutet, macht er ihnen mit Beispielen aus seinem Leben deutlich: Er erzählt von seinem Großvater, dem als 13-Jährigem von einem Soldaten im Getto die Zähne ausgeschlagen wurden. Er erläutert, dass Polizisten wegen täglich eingehender Drohungen vor dem jüdischen Kindergarten seiner kleinen Tochter Wache stehen. Und er schildert, wie sein bester Freund auf ihn losging, nur weil er erkannte, dass Salomo Jude ist. Als er davon erzählt, hören die Schüler aufmerksam zu. Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als er berichtet, wie sehr es ihn als 15-Jährigen geschockt habe, als ihn auf einer Party Jugendliche gefragt hätten, was "die jüdische Nationalhymne" sei und dabei voller Häme Gas aus einem Feuerzeug entweichen ließen. Die Schüler können nun nachvollziehen, "warum solche Sprüche niemals nur Sprüche sind".

Oftmals liege Antisemitismus darin begründet, dass Gerüchte über Israel und Juden einfach spannender seien als die Wahrheit und kaum noch jemand einen Juden persönlich kenne, meint Salomo.

Doch wie steht es mit dem Deutsch-Rap, dessen antisemitische Auswüchse spätestens seit der Echo-Nominierung von Kollegah und Farid Bang in den Schlagzeilen sind? Hier bezieht Salomo klar Stellung: "Egal gegen wen es geht: Diskriminierung ist immer scheiße. Worte, die Menschen pauschal diskriminieren, haben auch im Battle-Rap nichts verloren. Aber Rap wird immer mehr zum Vehikel für rassistische Begriffe." Was im Kunstraum des Rap noch als verbale Auseinandersetzung im sportlichen Sinn und mit künstlerischer Freiheit erlaubt sei, dürfe nicht in die reale Gesellschaft übertragen werden. "Auch im Battle-Rap gibt es Grenzen."

Wie weit Manipulationen antisemitischer Rapper bereits greifen, wird in der von Meinhard Schmidt-Degenhard moderierten Diskussionsrunde mit den Jugendlichen deutlich. Besonders Rapper Kollegah, laut Salomo "einer der schlimmsten der Szene", hat hier offenbar einige Anhänger. Er vermittle doch auch ehrenwerte Werte und arbeite mit einem jüdischen Rapper zusammen, argumentieren einige der Jugendlichen. Salomo kontert mit dem Hinweis, dass Kollegah den jüdischen Rapper San Diego nur als "menschliches Schutzschild" nutze und zeigte an Beispielen auf, welche antisemitische Propaganda in Liedtext und Video von Kollegahs Song "Apokalypse" enthalten ist.

Nicht wegsehen!

"Auch wenn jemand mich Drecksjude nennt, würde ich niemals sagen, dass er ein Drecksaraber ist", macht Salomo deutlich. Dieser Abwärtsspirale, in der Beschimpfungen alltäglich werden, gelte es zu entgehen. "Jeder muss sich selbst die Frage stellen, auf welcher Seite der Geschichte er stehen will. Jeder hat einen moralischen Kompass. Wir dürfen nicht wegsehen", gibt Salomo den Jugendlichen mit auf den Weg.

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