Fakten und Fiktion

  • vonDagmar Klein
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Es wäre so schön gewesen, an einem lauschigen Sommerabend im Botanischen Garten vom fernen Neuseeland zu hören. Doch die Extremwetterlage der letzten Wochen empfahl eher einen trockenen Raum für die Lesung des Autors Thom Conroy. Das Literarische Zentrum fand dafür einen passenden Raum: den Zoologischen Hörsaal.

Der Mediziner, Neuseelandforscher und Geologieprofessor Ernst Dieffenbach (1811-1855) war vor wenigen Jahren durch den Geschichtsprofessor Dirk van Laak für Gießen wiederentdeckt worden. Dieffenbachs Grabstätte auf dem Alten Friedhof konnte danach von Stadtgeschichtsforscherin Dagmar Klein wiederentdeckt werden und erhielt 2015 dank des Freundeskreis Alter Friedhof einen neuen Erinnerungs-Stein.

Der Gießener Neuseeland-Fan Wilfried Westrupp hatte den an der Massey-University in Auckland lehrenden Autor Thom Conroy kennengelernt und war von ihm wegen der Planung einer Europareise kontaktiert worden. Am Montagabend hielt Conroy auf Einladung der Geographischen Gesellschaft Gießen (Andreas Dittmann) einen Vortrag zu Dieffenbachs Forschungsreise und den damaligen Vorstellungen vom Südpazifik. Am Dienstag war er nachmittags Gast in einem Anglistik-Seminar unter Leitung von Andrea Rummel. Am Abend folgte die eingangs erwähnte Lesung aus Conroys Novelle "The Naturalist" (2014), die in teils faktenbasierter, teils fiktionaler Form von Ernst Dieffenbach handelt.

Conroys Erzählweise ist humorvoll und selbstironisch. Für das weitergehende Verständnis hatte Moderatorin Andrea Rummel einen Stapel Bücher vom neuseeländischen Random-Verlag erhalten, die preisgünstig angeboten wurden.

Wer war nun Ernst Dieffenbach? In Gießen geborener Sohn eines Theologen, als Student in die Unruhen der vordemokratischen Zeit verwickelt und von Verfolgung bedroht. Über mehrere Stationen landete er schließlich in London, wo er sich zunächst als Übersetzer und Sprachlehrer verdingte. Für die New Zealand Company reiste er nach Neuseeland, vom Abenteuer- und Forscherwillen geprägt. Für seine Zeit ungewöhnlich war seine zutiefst humanistische Haltung, was die Gleichheit der Menschen betrifft. Er lernte Englisch wie Maori, begegnete den Ureinwohnern mit tiefem Respekt. Er wäre auch geblieben, hatte bereits einen großen Garten angelegt, doch wurde ihm dies nicht erlaubt. Also kehrte er zurück, schrieb in London ein Buch über Neuseeland und durfte schließlich nach Deutschland zurückkehren, wurde noch Professor an der Gießener Universität, wo er erst 44-jährig an Typhus starb. Was erklärt, warum er an der Universität und in der Stadt nicht allzu bekannt wurde.

Zutiefst humanistische Haltung

Wie ist Comroy auf Dieffenbach gestoßen? Durch eine Fußnote. Und er tat das, was Akademiker lieben, wie er schmunzelnd sagte, er verfolgte diese Angabe, besorgte sich Bücher und las weiter. Es dauerte allerdings eine Weile und die Ermutigung durch andere, bis er daraus ein Buch machte. Und wie kann man über Gießen schreiben, wenn man nie hier war? Nun, er wäre gern gekommen, doch gab niemand Geld für eine solche Recherche. Fotos und Stadtpläne hat er studiert.

Und was verbindet ihn persönlich mit Dieffenbach? Die grundlegende Idee von Exil, ob erzwungen oder freiwillig, und die Vorstellung von Heimat: Thom Conroy ist gebürtiger US-Amerikaner, Neuseeland seine Wahl-Heimat.

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