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Faible für (fast) vergessene Kunst

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Tim Fischer in Gießen.
Tim Fischer in Gießen. © Julian Wessel

Ja, es lebt noch: das Chanson. Ein Genre, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Könnte man meinen. Der beeindruckende Gegenbeweis – in Gestalt und Stimme von Tim Fischer – war am Samstagabend im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen in der Tanzschule Astaire’s zu erleben.

Vor 25 Jahren ist der Oldenburger ausgezogen, das Chanson in seiner Zeitlosigkeit zu kultivieren. Jetzt präsentierte er seine »Geliebten Lieder«, vermaß zwei Stunden lang die Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz, treffsicher in Ton und Ausdruck und stets mit einem zwinkernden Auge. Dabei halfen die kongenialen Musiker Rainer Bielfeldt (Flügel) und Thomas Keller, der allein mit sehnsüchtigen Tönen von Akkordeon und Saxofon die Anwesenden zum Schmelzen brachte.

Genau vor 25 Jahren, erzählte der gut gelaunte 41-Jährige, habe er zum ersten Mal auf einer Bühne gestanden, im niedersächsischen Oldenburg. Bereits damals hatte der Teenager und Lilli-Marleen-Fan sein Faible für die vergessene Kunst des Chansons ausgelebt. Die hat er inzwischen zur Perfektion ausgebaut, nennt Zarah Leander seine Wunschgroßmutter und eine Kabarettgröße wie Georg Kreisler nicht nur Mentor, sondern Freund. Auch wenn er selbst nicht in die Tasten greift, die Klaviatur der Bühnentheatralik beherrscht der so schlaksige wie charmante Fischer blind, die großen und kleinen Gesten des Varietés, die seine humorvollen, meist doppelbödigen Texte halfen auszuloten. Dazu gehört auch, ein vielleicht allzu strahlendes Show- Lächeln auf Knopfdruck anstellen zu können. Alles ist Teil von Fischers Aura, so wie das belebte Spiel von Mimik, Gestik und einer beinahe akrobatischen Körpersprache.

Selbst kein Texter, bediente sich der Sänger in seinem Jubiläumsprogramm bei den Besten seiner Zunft, griff auf Stücke von Erich Kästner, Friedrich Hollaender oder seines Bühnenpartners Bielfeldt zurück. Vergnügt beschwor er das Zugfahren, erzählte Geschichten aus der Halbwelt und sang so glaubhaft vom Hauptbahnhof Paris, dass man glatt vergaß, dass es einen solchen gar nicht gibt. Zwischendurch die großen (»Nur nicht aus Liebe weinen«) und die kleinen Themen (»Aspirin«). Und natürlich, »mein guter, guter Freund Georg Kreisler«. Ganz zu Unrecht hielte man den Altmeister einseitig für einen bissigen Schwarzhumoristen, klärte Fischer sein Publikum auf und ergänzte: »In Wahrheit war Kreisler sensibel, mädchenhaft, ein zartes Pflänzchen. Wenn der mal nicht schwul war.« Selbst mit einem Mann verheiratet, landete der Entertainer mit Zoten wie dieser treffsichere Lacherfolge. Kein Wunder übrigens, dass die folgende Kreisler-Nummer vom »Liebesbrief« so zart dann doch nicht war.

Allein Fischers »Stroganoff«-Interpretation oder die minutenlange Rezitation eines Tucholsky-Gedichts hatten die Anreise gelohnt. Da saß wirklich jedes Wort, jede Nuance. Da war Fischer, der ab und zu für den »Tatort« vor der Kamera steht und Musical-Rollen spielt, seine schauspielerische Begabung nicht abzuerkennen.

Apropos Jubiläum: Auch der Gastgeber, die Tanzschule Astaire’s, hatte am Samstag Grund zu Feiern. Vor exakt zwölf Jahren hatte sie ihre Tore und Tanzböden geöffnet. Mit Tim Fischer hatte man einen würdigen Gratulanten gefunden, der sich die Zuneigung seines Publikums redlich verdient hatte. Ein großartiger Abend. Julian Wessel

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