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Stadtverkehr

Fahrradstraßen: Was bedeutet das neue Konzept in Gießen?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Radler haben Vorrang in den ersten Fahrradstraßen Gießens. Was bedeutet das konkret? Wer kann sich freuen, wer ist "Verlierer" der Neuerung? Wir geben Antworten.

Mehr als zehn Jahre nach Beginn der Diskussion hat die Stadt ihre ersten Fahrradstraßen. Ist die Umsetzung gelungen?

Nach Meinung von Bürgermeister Peter Neidel (CDU) auf jeden Fall. "Man merkt eine Verbesserung", sagte er bei der offiziellen Vorstellung am Mittwoch. "Es ist kein Fahrradsträßchen entstanden, sondern eine schöne Fahrradstraße." Die Umsetzung habe etwa ein Jahr gedauert. "Das war eine enorme Kraftanstrengung", auch weil viele Schilder nötig sind. Für den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub merkt Jan Fleischhauer auf GAZ-Anfrage an, dass eine "Fahrradzone" keinen derart dichten Schilderwald erfordert hätte. Diese Möglichkeit gebe es aber erst seit April. Etliche Verkehrswende-Aktive hätten sich gewünscht, dass nur noch Anlieger mit dem Auto in den Bereich fahren dürfen, dies empfehle auch die Verwaltungsvorschrift. Insgesamt begrüßt der ADFC die Fahrradstraßen.

Was ändert sich - außer dem grundsätzlichen Vorrang für Radler - für Autofahrer?

Sie können in keiner Richtung mehr von der Goethestraße in die Ludwigstraße fahren. An der Kreuzung Stephanstraße gilt jetzt Vorfahrt für die Goethestraße, an den Einmündungen von Löber- und Lonystraße in die Goethestraße rechts vor links. Zwischen Stephanstraße und Gnauthstraße ist die Goethestraße für Kfz zur Einbahnstraße geworden, die nur noch stadtauswärts befahrbar ist.

Gibt es Verlierer der Neuregelung?

Ja: Vor allem dort lebende Gießener mit Auto, die nun noch mehr Probleme bei der Parkplatzsuche haben. Die Anwohnerparkzone zwischen Ludwig- und Gnauthstraße hinkt hinterher. Sie soll laut der Stadt noch in diesem Jahr eingerichtet werden. Die Verkehrswende "schmerzt hier und da", sagt Neidel. Er hoffe, dass manche Einpendler angesichts schwierigerer Parkplatzsuche auf Bus, Bahn oder Rad umsteigen. Es werde auch eine Verlagerung des Parkdrucks auf andere Viertel geben. Laut einer Untersuchung sind nur 44 Prozent der Menschen, die in dem Bereich ihr Fahrzeug abstellen, Anwohner.

Welchen Sinn haben die gestrichelten Linien entlang den Parkstreifen?

Sie sollen eine Sicherheitszone bilden, um gefährliche Zusammenstöße zwischen Fahrrädern und plötzlich geöffneten Autotüren zu vermeiden. An vielen Stellen längst bewährt, führen sie hier offenbar zu Missverständnissen: Einige glauben, dies solle die Radspur sein. Kein Wunder, meint Fleischhauer, da "andere Kommunen wirklich derart schmale Streifen an geparkten Autos als Radwege anlegen".

Dürfen Radler überall in beiden Richtungen fahren?

Nein. Die Abschnitte der Löber- und der Lonystraße zwischen Bismarckstraße und Goethestraße bleiben auch für Radler Einbahnstraßen, zwischen denen die sie je nach Richtung wechseln sollen. Auch die Henselstraße ist für sie nicht freigegeben. Fleischhauer hofft auf "Nachjustierungen". Die Löberstraße sei im Einbahn-Bereich nicht enger als im freigegebenen Teil. "Man kann Anwohnern nicht erklären, warum sie bei dem geringen Verkehr einmal eine Runde um die Wieseck radeln sollen, um zu ihrem Haus zu fahren."

Wie wird der Knoten Gnauthstraße/Schiffenberger Weg neu geordnet? Radler berichten, dass es dort seit jeher eng für sie ist, weil bei Ampel-Rotlicht oft Autos die Radspur geradeaus zum Nahrungsberg blockieren.

Wegen der Einbahnregelung dürfen Autofahrer jetzt von der Goethestraße nach links in die Gnauthstraße in Richtung Schiffenberger Weg abbiegen. Die Verwaltung arbeitet an Lösungen, um den Radstreifen freizuhalten; vermutlich wird er mit Fahrbahnteilern gesichert. "Im ganzen Kreuzungsbereich sind Änderungen nötig", meint Fleischhauer. Er erinnert an Überlegungen, die Gnauthstraße zur Einbahnstraße stadteinwärts umzuwidmen. Der ADFC plädiere zunächst für kleine Maßnahmen, etwa Radlern das indirekte Linksabbiegen in den Heegstrauchweg - täglich über Gehwege praktiziert - offiziell zu ermöglichen.

Radler haben den Eindruck, dass die Ampel an der Ludwigstraße zögerlicher auf Grünlicht schaltet als bisher. Stimmt das?

Ja und nein. Neue Detektoren im Boden gewähren Radfahrern automatisch "grüne Welle" - allerdings abhängig vom Verkehrsfluss. Bisher reagierte die Ampel sehr schnell auf Tastendruck. Nun müssen Radler und Fußgänger manchmal einige Sekunden länger warten. Fleischhauer erwartet, dass die Stadt "nachsteuert".

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