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Vor dem Gelände der Stadtwerke in der Lahnstraße fordern die Demonstranten unter anderem den Nulltarif im ÖPNV.

Für autofreie City

Fahrraddemo mahnt an: Gießen soll „Vorbild für Verkehrswende“ werden

  • VonChristian Schneebeck
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Die zwölf Stopps an markanten Punkten richteten sich insbesondere an die designierte Dreierkoalition, die die Stadt Gießen künftig regieren wird. Die Forderungen reichen von kostenlosem öffentlichen Personennahverkehr bis zu weiteren Fahrradstraßen.

Gießen – Hoffnung setzt manchmal ungeahnte Kräfte frei. Vielleicht stand sie auch deshalb am Anfang der Fahrraddemonstration, die etwa 200 Teilnehmer am Samstag drei Stunden lang kreuz und quer durch die Stadt geführt hat. Mitgebracht hatte sie Till Hentschel. »Ich habe Hoffnung«, bekannte er gleich während des ersten Stopps am Oswaldsgarten. Denn die sich abzeichnende grün-rot-rote Koalition im Stadtparlament könne Gießen »zu einem Vorbild für die Verkehrswende machen«, meinte der Aktivist.

Was dafür aus ihrer Sicht notwendig wäre, sahen sich die Demonstranten bei der ausgedehnten Rundtour vor Ort an. Die zweite von zwölf Stationen nutzte Jörg Bergstedt (Projektwerkstatt Saasen) zum Beispiel, um auf die soziale Dimension des Themas hinzuweisen. In der Lahnstraße forderte er den Nulltarif im ÖPNV und die vollständige Re-Kommunalisierung der Stadtwerke. Auch vor den Büros der drei Parteien, die die Koalitionsverhandlungen führen, legte das Feld je einen Halt ein.

Gießener Demonstranten erinnern an Wahlversprechen

Getreu dem Demo-Motto »Haltet eure Wahlversprechen - Verkehrswende jetzt!« erinnerte Silja Hampel die Grünen in der Liebigstraße daran, dass sie als stärkste Kraft keine allzu großen Zugeständnisse an künftige Partner machen müssten. Fraktionschef und Verhandlungsführer Alexander Wright nahm den Ball auf - und betonte, die Verkehrswende sei »nicht verhandelbar«. Nach den Gesprächen werde man »direkt in die Umsetzung« gehen. Für die Linke antwortete am Marktplatz Stefan Häbich. Einzig von der SPD ließ sich vor deren Parteizentrale in der Grünberger Straße niemand blicken.

Weitere »symbolträchtige Punkte verfehlter Verkehrsplanung« hatten die Radler zuvor unter anderem im Erdkauter Weg und in der Rathenaustraße ausgemacht. Die geplante Straßenverbindung zwischen Ferniestraße und Leihgesterner Weg samt einer neuen Unterführung unter der Bahnlinie Richtung Gelnhausen nannte Bergstedt »etwas ganz Ewig-Gestriges«. Und den Ausbau der Straße am «Campus der Zukunft« der Universität bezeichnete AStA-Referent Oliver Jenschke als »Sinnbild dafür, was schiefgehen kann, wenn unsere Themen für Machtspiele missbraucht werden«.

Fahrraddemo in Gießen: Zehn Kilometer durch die Stadt

Die Philosophenstraße möchten die Aktivisten derweil am liebsten komplett für Autos sperren und zu einer reinen Fahrradstraße umwidmen. Im Zuge dessen kritisieren sie den Bau des Rad- und Fußweges. Statt die Verbindung zwischen Wieseck und Eichgärtenallee auf diese Weise sicherer zu machen, solle »kein Quadratmeter Beton mehr in dem Naturschutzgebiet« hinzukommen, forderte Bergstedt. Außerdem schlug er vor, die Gießener Straße künftig von beiden Seiten nur noch bis zur Philosophenstraße befahrbar zu lassen. Das verbanne den Durchgangsverkehr aus Wieseck - und werte nebenbei den Platz vor dem Eiscafé zu einem Ort mit »urbanem Leben« auf.

Über die Marburger Straße, die Sudetenlandstraße und den Asterweg radelten die Demonstranten anschließend, begleitet von Polizei und Ordnungskräften auf E-Bikes, zurück in die Innenstadt. Dort angekommen, endete die gut zehn Kilometer lange Rundfahrt durch die Verkehrspolitik. Mit etlichen mal mehr, mal weniger kontroversen Vorschlägen im Gepäck. Und mit lauten Sprechchören für eine autofreie Innenstadt. (csk).

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