1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Gefährliche Stelle für Radfahrer in Gießen - Problemstelle „von der Stadt geschaffen“

Erstellt:

Von: Kays Al-Khanak

Kommentare

Eine Frau stürzt mit ihrem Fahrrad auf einem Radweg in Gießen schwer. Sie verletzt sich dabei. Nun will sie auf die Unfallstelle aufmerksam machen.

Gießen - Almuth Meyer-Waarden denkt täglich über diese Minuten nach, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Sie weiß nur noch, dass sie auf dem Weg zu einer Freundin mit dem Fahrrad in Gießen-Kleinlinden gestürzt und irgendwann im Krankenhaus wieder aufgewacht ist, mit Schürfwunden, dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und Hämatomen am Bein. Dennoch sagt die 56 Jahre alte Frau: »Das ist extrem glimpflich abgelaufen.« Denn: Dass sie sich nicht schlimmer verletzt hat, hat sie ihrem Fahrradhelm und jeder Menge Glück zu verdanken. Nun will die Radfahrerin auf die Unfallstelle aufmerksam machen - »damit dort nichts mehr passiert«.

Meyer-Waarden will am 4. November mit ihrem mit zwei Satteltaschen versehenen E-Bike von Langgöns ins Gleiberger Land fahren. Dazu wählt sie den Weg über Kleinlinden und Gießen. Auf der Frankfurter Straße ist sie vormittags ohne Motorunterstützung auf dem Fahrradweg unterwegs, der sich parallel zur Hauptstraße schlängelt. An der Kreuzung Bergwaldstraße steht am Rand des Radweges eine Fußgängerampel. Dieser sei sie ausgewichen, schildert Mayer-Waarden, und dann mit dem Vorderrad auf einer auf dem Weg befindlichen eingezogenen Bordsteinkante weggerutscht. »Dann hat’s mich zerlegt.« Der Ersthelfer habe ihr später erzählt, sie sei vorne über ihr Rad gestürzt und mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen. Dann sei ihr Fahrrad auf sie geprallt.

Schwerer Radunfall in Gießen: ADFC fordert Umbau der Unfallstelle

Eine Nacht verbringt Meyer-Waarden auf der Intensivstation der Uniklinik. Dann wird sie entlassen. Auf dem Kurznachrichtendienst »Twitter« veröffentlicht sie ein Foto aus der Klinik von den Schürfwunden in ihrem Gesicht. Dazu schreibt sie: »Sturz mit Schutz durch Fahrradhelm. Ohne Helm wäre mein Kopf jetzt Matsch.« Sie will nicht nur appellieren, dass Fahrradfahrer einen Helm tragen. Sie ist sich auch sicher, dass der Unfall nicht passiert wäre, wäre es an dieser Stelle nicht so eng gewesen - und hätte es die weiß markierte, eingezogene, etwa ein Zentimeter hohe Bordsteinkante nicht gegeben.

oli_bergwaldkreutzung2_1_4c_1
Laut Jan Fleischhauer vom ADFC stellt die Engstelle auf dem Fahrradweg zwischen Ampel und leicht angehobenem, weiß markiertem Bordstein eine Gefahrenstelle für Fahrradfahrer dar. © Oliver Schepp

Jan Fleischhauer vom ADFC kennt die Unfallstelle in Kleinlinden. Für ihn hat der Unfall einen tragischen Hintergrund, »denn der Baumangel wurde erst im August 2017 von der Stadt geschaffen, als der Ampelmast nach der Erneuerung der Ampelanlage auf einmal auf dem Radweg stand«, sagt er. Zuvor habe sich dieser Mast 15 Zentimeter neben dem Radweg befunden. Zwar dürfe der Gehweg und die erneuerte, weiße Markierung auf der Bordsteinkante mit dem Rad nicht überfahren werden. »Bei derart schmalen Radwegen muss man aber sehr sicher fahren, um auf dem nur einen Meter breiten Radwegteil zu bleiben«, sagt Fleischhauer, »insbesondere, wenn der Weg an Einmündungen und Parkplätzen verschwenkt wird«.

Meyer-Waarden hätte mit ihrem Rad auch die Fahrbahn nutzen können, denn die Benutzungspflicht des Radwegs ist mittlerweile aufgehoben worden, wie die Stadt mitteilt. Fleischhauer betont, dass in solchen Fällen dennoch über 90 Prozent der Radfahrenden in der Regel auf dem Radweg blieben. »Genau deshalb sollen Radwege ohne Benutzungspflicht nicht wie Radwege zweiter Klasse behandelt werden, sondern genau so sicher befahrbar sein, wie Radwege mit Benutzungspflicht«, betont er.

Schwerer Radunfall in Gießen: Bisher kein Unfallschwerpunkt

Dies unterstreicht auch Meyer-Waarden. Sie sagt: »Radwege sollten so risikoarm gestaltet werden, dass den Fahrradfahrerin nichts passiert.« Laut Straßenbaurichtlinien sollten Radwege, die in eine Richtung führen, zwei Meter breit sein, danebenliegende Gehwege rund 2,50 Meter. »Von daher sind die 80 Zentimeter neben dem Laternenpfahl eine gefährliche Engstelle«, sagt Fleischhauer. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis dort ein Unfall passiert.« Ohne über die weiße Markierung zu ragen, lasse sich die Engstelle eigentlich nicht befahren. Fleischhauer fordert deshalb einen Umbau der entsprechenden Stelle. Der Ampelmast, der eigentlich rechts vom Radweg stehen müsste, könne nur mit viel Aufwand versetzt werden. »Daher sollte die Stadt an der Engstelle den Radweg zumindest verbreitern, um die Verkehrssicherheit wieder herzustellen«, betont er. »Das Mindeste wäre, den Bordstein abzusenken, sodass die kaum sichtbare Kante von zirka drei Zentimetern kein Sturzrisiko mehr darstellt.«

Wie die Stadt auf Anfrage mitteilt, sei die Unfallstelle bisher nicht als Unfallschwerpunkt aufgefallen. »Wir erwarten dazu aber auch noch Auskünfte der Polizei«, sagt Stadtsprecherin Claudia Boje. Jedoch sei an der betreffenden Einmündungen bereits vor einem Jahr einiges geschehen: Um mögliche Sturzgefahren für den Radverkehr und auch Stolpergefahren für Fußgänger zu minimieren, seien »zur besseren Erkennbarkeit« eine reflektierende rot-weiße Warnfolie am Ampelmast angebracht und der Tiefbordstein markiert worden. (Kays Al-Khanak)

Fahrradfreundlicher könnte eine neue Brücke in Gießen werden. Die Möglichkeit einer “multifunktionalen Aufteilung des Verkehrsraums“ steht im Raum.

Auch interessant

Kommentare