Martin Fügert von MF Bikes erklärt, warum es gerade schwierig ist, Fahrräder zu reparieren.
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Martin Fügert von MF Bikes erklärt, warum es gerade schwierig ist, Fahrräder zu reparieren.

Umweltschutz

Fahrrad-Boom in Gießen: Lieferprobleme, höhere Preise, längere Reparatur-Zeiten

  • vonSebastian Schmidt
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Seit Beginn der Pandemie ist die Auftragslage in den Gießener Fahrradläden hoch. Kunden müssen deswegen mit steigenden Preisen und Wartezeiten rechnen.

Gießen – Für den momentanen Fahrradtrend gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Viele andere Freizeitangebote sind in der Corona-Pandemie weggefallen, aber Radfahren geht. Der Öffentliche Nahverkehr wird von manchen gemieden, und das Fahrrad stellt eine Alternative dar. Durch gestrichene Urlaube ist bei manchen der Geldbeutel etwas voller als sonst. Die Folge: Das Geschäft läuft gut für die Gießener Fahrradläden. Seit Beginn der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr berichten Händler, dass die Nachfrage nach Zweirädern gestiegen ist. Kam es im Mai 2020 wegen dem hohen Kundenandrang bereits zu Wartezeiten bei Händlern und Reparatur-Werkstätten, gibt es dieses Jahr ein zusätzliches Problem, das die Situation verschärft: Sowohl Fahrräder als auch Ersatzteile sind knapp.

Fahrrad-Boom in Gießen: Für das Wunschrad schon zu spät

Philip Reiner von Reiner-Bike in der Nordanlage sagt: »Für das Fahrradgeschäft war es ein gutes Jahr.« Das bestätigt auch Martin Fügert von MF Bikes in der Südanlage: »Der Boom hatte vergangenes Jahr nicht aufgehört, selbst im Winter gab es eine hohe Nachfrage.« Im Gegensatz zum vergangenen Jahr sei die Liefersituation jetzt aber schlechter geworden. »Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht nach, weil es Probleme mit den Lieferketten gibt«, sagt Reiner und fügt an: »Wenn Sie ein Wunschrad wollen, sind Sie für dieses Jahr schon zu spät.«

Anfang 2020 seien die Lager voll gewesen und die Räder mussten nur ausgeliefert werden, erklärt Fügert. Das habe wegen der hohen Nachfrage zwar etwas gedauert, aber schließlich erhielten die Kunden die Räder. Das Problem jetzt betreffe aber die Großhändler. »Einzelne Teile wie ein fehlender Lenker führen dazu, dass ganze Fahrrad-Produktionen gestoppt werden.« Was sollen die Großhändler schließlich mit Rädern ohne Lenker? Das sei ein Problem, mit dem die ganze Branche zu kämpfen habe. Fügert sagt: »Die Versorgungslage ist so schlecht, dass gerade Menschen aus ganz Deutschland zu uns gefahren kommen.« Ob aus Rostock, Freiburg oder vom Chiemsee, wenn ein gewünschtes Fahrrad gerade in Gießen vorrätig ist, nehmen die Kunden auch lange Fahrtwege auf sich, erklärt der Inhaber von MF Bikes.

Fahrrad-Boom in Gießen: Fahrradteile aus der ganzen Welt

Die Lieferprobleme spiegeln sich auch in den Preisen wider. Neben den Produktionsengpässen sorgen gestiegene Kosten für Frachtcontainer zu einem Preisanstieg bei Fahrrädern, sagt Reiner. Ein E-Bike, das 2 000 Euro gekostet habe, sei jetzt 100 Euro teurer - ein Anstieg von fünf Prozent. Das bestätigt auch Majid Bargh, der Juniorchef von Switchbike Bornemann in der Katharinengasse und sagt: »Das Fahrrad ist ein Weltprodukt. Der Rahmen kommt aus Taiwan, die Reifen aus Indien, die Schaltung aus Japan und lackiert wird in Portugal.« Deswegen habe auch die Blockade des Suezkanal eine direkte Auswirkung auf den Fahrradmarkt. So ein Lieferstopp könne nicht einfach aufgefangen werden. Es gebe zu wenige Frachtcontainer und zu wenige Lkw. Das verschärfe die durch die Pandemie enstandene Lieferproblematik von Fahrrädern nochmals. »Wir rechnen teilweise mit einer Lieferzeit von zwei Jahren.« Viele Lieferbestände für 2022 und 2023 seien bei den Großhändlern bereits ausverkauft.

Fahrrad-Boom in Gießen: Auch Reparaturen betroffen

Das Lieferproblem betrifft auch Reparaturen, weil der Ersatzteilmarkt leer ist. Reiner sagt: »Wir suchen schon abseits von Großhändlern in ganz normalen Endkundengeschäften nach passenden Teilen.« Dadurch würde sich die Wartezeit bei Reparaturen verlängern. Für die Werkstätten, die ohnehin gerade viel zu tun hätten, sei es noch mehr Arbeit. Auch Fügert sagt: »Es ist ein brutal gutes Jahr für uns, aber wir arbeiten gerade am Limit.«

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