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Größte Schnittstelle im Nahverkehrssystem des Landkreises Gießen ist der Gießener Bahnhof mit der großen Haltestelle für den Regionalverkehr. 

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Fahrgastbeirat Gießen kritisiert Nahverkehrsplan

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Daumen runter: Der Fahrgastbeirat von Stadt und Landkreis Gießen geht mit dem neuen Entwurf des Nahverkehrsplans hart ins Gericht. Was die wichtigsten Kritikpunkte sind.

"Wenig ambitioniert", keine Reaktion auf Klimawandel und Verkehrswende-Debatten, keine neue Linien, keine "wirklichen Innovationen": Eine kritische Bilanz zog am Montagabend der Fahrgastbeirat von Stadt und Kreis bei seiner Sitzung in der Kongresshalle. Hauptthema war der Entwurf des neuen Nahverkehrsplans (NVP) für das Kreisgebiet, zu dem bis zum 24. März Stellungnahmnen abgegeben werden können. So werde der ÖPNV keine Alternative zum Auto, erklärte Beiratsmitglied Patrik Jacob in einem "ersten Fazit".

Da die Stadt Gießen und der Zweckverband der Oberhessischen Versorgungsbetriebe (ZOV) bei der Nahverkehrsplanung wieder getrennte Wege gehen und der neue städtische NVP erst im kommenden Jahr vorliegen wird, waren Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und Stadtwerke-Nahverkehrsplanerin Anne Müller-Kreutz einerseits nur Zaungäste im Kerkrade-Zimmer. Andererseits ist der Nahverkehr, den der ZOV für die Landkreise Gießen, Wetterau und Vogelsberg plant, für die größte Stadt der Region mit ihren zahlreichen oberzentralen Funktionen und großen Arbeits- und Ausbildungsstätten von elementarer Bedeutung.

Nahverkehr Gießen: Schneller Bus Gießen-Biebertal?

Mithin bestimmte die Frage, wie schnell die Kreisbürger die Metropole der Region mit Bus oder Bahn erreichen können bzw. sollten, über weite Strecken die rund zweistündige Debatte. ZOV-Chefplaner Gerhard Muth-Born lieferte sich im Laufe des Abends das ein oder andere Scharmützel mit Jacob oder dem ADFC-Vertreter Jan Fleischhauer.

Unter anderem krititisierte der Fahrgastbeirat, dass der Landkreis Gießen der einzige Kreis im Einzugsgebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds sei, in dem es keine Pläne für Expressbuslinien gebe. Dem widersprach Muth-Born. Derlei Überlegungen gebe es durchaus, aber es ergebe keinen Sinn, diese in einem Rahmenplan zu fixieren. "Potential für einen Expressbuss sehen wir zum Beispiel für die Verbindung Biebertal-Gießen", erklärte Muth-Born. In die anderen Himmelsrichtungen führten von Gießen aus Schienenwege. "Die Schienen sind unsere Expressbusse", warb Muth-Born für die im NVP fixierten bzw. erwähnten Projekte Lumdatalbahn, Horlofftalbahn und die "Regiotram Mittelhessen", die zwischen Wetzlar, Gießen und Marburg mit Anschluss an innerstädtisch verkehrende Straßenbahnen pendeln soll.

Nahverkehr Gießen: Regio-Tram in Gießen bleibt Zukunftsmusik

Die Regio-Tram indes ist Zukunftsmusik, ebenso wie die von Stadt- und Kreispolitik gewünschten neuen Haltepunkte an der Vogelsbergbahn im Abschnitt bis Grünberg. Eine Realisierung ist sogar über die Laufzeit der beiden neuen Nahverkehrspläne von Stadt und Kreis (2025/2026) hinaus nicht in Sicht. Im Stadtgebiet sind das Aulweg und US-Depot, außerhalb das Gewerbegebiet Großen-Buseck und Lindenstruth. Dazu wird im NVP-Entwurf nüchtern festgestellt: "Ungeachtet bislang nicht gegebener Förderwürdigkeit ermöglichen die infrastrukturellen Gegebenheiten der Vogelsbergbahn (Eingleisigkeit) keine Umsetzung." Besser sieht es dagegen - trotz Eingleisigkeit - für einen weiteren Haltepunkt auf der Strecke Gießen-Gelnhausen aus. Im Gespräch sind Hausen oder Lich-West.

Nahverkehr Gießen: Vergleich zwischen Bus und Auto in Gießen

Zurück zum Bus: Was die Erschließlungslücken im Kreisgebiet, Spätverbindungen nach Gießen oder Frankfurt oder den Reisezeitvergleich zwischen Bus und Auto betrifft, stehe der Nahverkehr im Landkreis im Vergleich z.B. mit dem Vogelsbergkreis noch gut da, zufrieden sein mit dem Angebot könne man aber nicht sein. "Da nimmt doch jeder das Auto", sagte Jacob mit Hinweis zum Beispiel auf die Verbindung von Krofdorf-Gleiberg zum Berliner Platz in Gießen. Der Pkw benötigt laut der Auswertung des ZOV für die sieben Kilometer 13 Minuten, der Bus 23, zum Gießener Bahnhof sind es sogar 33 Minuten. Darin eingerechnet sind wohlgemerkt noch nicht die Wege zu und von den Haltestellen. So gesehen sei der ÖPNV "immer im Nachteil", räumte Muth-Born ein und warnte angesichts der finanziellen Rahmenbedingungen vor Wunschdenken.

Um im Rahmen der "Daseinsvorsorge" zu Verbesserungen zu kommen, wäre es aus Sicht des ZOV-Planers wünschenswert, dass der NVP für die drei Landkreise Ende Mai von der Verbandsversammlung beschlossen wird. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass es auf Linien, deren Ausschreibung anstehe, dann auch zu den geplanten Angebotserweiterungen kommt.

Erneut ergebnislos fiel die Suche des Beirats für einen Stadt-Sprecher aus. So muss Kreis-Sprecher Friedhelm Sames ihn weiter allein führen.

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