Ortslandwirt Konstantin Becker folgt dem Schmetterlingsfänger auf Schritt und Tritt. FOTO: CHH
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Ortslandwirt Konstantin Becker folgt dem Schmetterlingsfänger auf Schritt und Tritt. FOTO: CHH

Der Fänger in der Roos

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Freitagnachmittag, kurz vor 15 Uhr: Mit einem Kescher bewaffnet streift der junge Mann durchs Gras. Plötzlich verharrt er vor einer Blume. Eine schnelle Handbewegung später zappelt der Ameisenbläuling im Netz - und sorgt bei Konstantin Becker für Sorgenfalten. Der Rödgener Ortslandwirt ist Eigentümer der Wiese und mit dem Fang der Schmetterlinge alles andere als einverstanden. Er behindert den von der Stadt Gießen beauftragten jungen Mann aber nicht bei seiner Arbeit. "Die haben mir gesagt, dass sie mich sonst verhaften." "Die", das sind die beiden Ordnungspolizisten, die am Rande der Wiese stehen.

Das Gebiet "In der Roos" im Rödgener Ortskern ist zum Zankapfel zwischen der Stadt Gießen und einigen Anwohnern geworden. Während viele Rödgener die Wiesen als Naherholungsgebiet empfinden, plant die Stadt hier den Bau von rund 30 Ein- und Mehrfamilienhäusern, um der großen Nachfrage nach Wohnraum gerecht zu werden. Als letzter Stolperstein erwies sich der streng geschützte Ameisenbläuling, der auf den Wiesen heimisch ist. Beiden Seiten gaben Gutachten in Auftrag, schlussendlich erreichte die Stadt eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung. Bedingung für die Wohnbebauung: Die Schmetterlinge sollten gefangen und auf die Krebswiesen bei Canon umgesiedelt werden. Als diese Woche das Gießener Verwaltungsgericht einen Eilantrag des NABU gegen die Umsiedlung ablehnte, rückte das von der Stadt beauftragte Büro Regioplan zum Schmetterlingsfang an.

Becker kämpft schon lange gegen die Bebauung der Wiesen, die er zu landwirtschaftlichen Zwecken nutzt. Er ist nicht nur generell gegen die Umsiedlung der Schmetterlinge, er vertritt auch die Meinung, dass der Regioplan-Mitarbeiter sowie der ihn begleitende Vertreter des Gießener Umweltbehörde die Wiese gar nicht hätten betreten dürfen. "Ich kann Ihnen zeigen warum", sagt Becker und zückt ein Schreiben des Amts für Umwelt und Natur. Darin wird Becker verpflichtet, das Betreten seiner Flächen durch Mitarbeiter der Stadt Gießen bzw. von ihr beauftragte Personen zu dulden, damit sie den Ameisenbläuling einfangen können. "Allerdings", sagt Becker und zückt ein weiteres Dokument, "ist die Genehmigung für die Umsiedlung mit Nebenbestimmungen verbunden, die nicht eingehalten worden sind." Dabei geht es um den Zustand der Krebswiesen, der zukünftigen Heimat der Schmetterlinge. Laut Becker wurde zum Beispiel die Wiese kürzer geschnitten, als es in dem Schriftstück festgehalten ist. "Das haben wir dokumentiert", betont der Ortslandwirt. Außerdem seien schwere Maschinen eingesetzt worden, zudem habe man nicht an unterschiedlichen Zeitpunkten gemäht, was ebenfalls als Voraussetzung festgehalten sei. "Wir haben einen Vertrag. Die Stadt hat sich aber nicht an die Bedingungen gehalten. Warum soll ich dann zu allem Ja und Amen sagen", echauffiert sich Becker. Er habe daher den Regioplan-Mitarbeiter und den Vertreter des Umweltbehörde aufgefordert, sich auszuweisen. Die beiden hätten daraufhin das Ordnungsamt gerufen. "Die Ordnungspolizisten haben mir dann gesagt, dass sie mich festnehmen, wenn ich die Maßnahme behindere", sagt Becker.

Das macht der Ortslandwirt an diesem Nachmittag nicht. Dafür verfolgt er den Regio-Mitarbeiter auf Schritt und Tritt. Der junge Mann scheint heilfroh zu sein, als er mit den eingefangenen Ameisenbläulingen die Roos verlassen und die nahe gelegenen Krebswiesen ansteuern kann. Der Regio-Mitarbeiter weiß aber auch: Die Umsiedlung wird noch eine Zeit lang dauern - und Ortslandwirt Becker wird "seine" Schmetterlinge solange sicher nicht alleine lassen.

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