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Das Facebook des 18. Jahrhunderts

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). "Und reißt mir keine Blätter raus, sonst ist es mit der Freundschaft aus." Wer diesen Spruch kennt, hat in seinem Leben wohl schon das eine oder andere Mal in einem Poesiealbum geblättert. Schließlich wird diese Zeile gerne als Einleitung der Büchlein gewählt. Ob dieser Spruch auch in den 60 bis 70 Stammbüchern zu finden ist, die zu den Sondersammlungen der Handschriftenabteilung der Justus-Liebig-Universität gehören, ist jedoch fraglich. Zwar sind jene Stammbücher "die Poesiealben des 18. Jahrhunderts", wie Dr. Olaf Schneider von der Universitätsbibliothek betont, allerdings wurden sie nicht von Kindern genutzt. Sondern von Studenten.

"Diese Stammbücher waren vor allem an protestantischen Universitäten verbreitet. Studenten haben dort ihre Professoren, Kommilitonen und Familienmitglieder eintragen lassen", erzählt Schneider und betont, dass die Reihenfolge der Eintragungen meist streng hierarchisch sei: Auf den ersten Seiten finden sich die Professoren, oft mit einer Scherenschnitt-Abbildung, gefolgt von den Kommilitonen und dann den Angehörigen.

Mit weißen Handschuhen öffnet Schneider eines der Stammbücher. "Es gehörte einem württembergischen Studenten, der in Gießen studiert hat." Und das in einer Zeit, in der die Universitätsstadt noch ganz anders aussah. Schneider findet die gesuchte Seite. Darauf ist eine Aquarellzeichnung von Gießen zu sehen. Mit einem Wassergraben, der die alte Festungsanlage umgibt, und Feldern, die die Grünberger Straße säumen. "Das Bild ist 1783 entstanden"; sagt Schneider und fügt an, dass seinerzeit Stammbuchmaler in den Städten lebten, die sich auf den Verkauf solcher Bilder spezialisiert hätten.

Die Sinnsprüche hingegen sind oft weniger kunstvoll. Es sind meist wenig tiefsinnige Sätze über die Freundschaft, oft auf lateinisch. Zudem enthalten die Bücher nachträgliche Eintragungen, zum Beispiel, wenn ein früherer Professor des Studenten verstorben war. "Besonders interessant ist es, wenn die Inhaber der Stammbücher an unterschiedlichen Universitäten studiert haben und sich das auf den Seiten widerspiegelt. So gesehen sind Stammbücher eine Abbildung des sozialen Netzwerks." Quasi das Facebook des 18. Jahrhunderts.

Die Sammlung der Stammbücher wächst weiter. "Manche werden uns geschenkt. Wir kaufen aber auch regelmäßig welche, wenn sie einen Bezug zu Gießen haben", sagt Schneider. Wobei das ein kostspieliges Unterfangen sein kann. Die Stammbücher sind laut Schneider wirtschaftliche Spekulationsobjekte, die Preise sind stark gestiegen, mitunter werden vierstellige Summen gefordert. Mit einem der beliebtesten Poesiealbum-Sprüche von Goethe hat das wenig zu tun. Der lautet: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Im Stammbuch des württembergischen Studenten ist er nicht zu finden. Aus einem einfachen Grund: Goethe hat ihn später geschrieben.

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