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Joel Weinberg referiert in der Jüdischen Gemeinde.

Explosive Mischung

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Gießen (mö). Es sind Filmausschnitte, die am Mittwochabend im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde für erschrockene Rufe sorgen. Erst zeigen die Bilder eines Nachrichtensenders, wie ein Mob aus jungen israelischen Arabern einen jüdischen Israeli in seinem Auto angreift, dann folgt ein Video, in dem jüdische Fanatiker einen israelischen Araber aus seinem Auto zerren und halbtot schlagen.

Die schlimmen Filmausschnitte werden von dem israelischen Friedensaktivisten Dr. Joel Weilberg gezeigt, der vor 30 Zuhörern im Jüdischen Gemeindezentrum im Burggraben über die aktuelle politische Lage in Israel nach dem jüngsten Krieg zwischen Israel und der Hamas und dem Regierungswechsel in Jerusalem berichtet.

Der vielseitig gebildete und engagierte Gast aus Israel, dessen englischsprachiger Vortrag vom Gemeindevorsitzenden Dr. Dow Aviv übersetzt wird, ist hörbar bemüht, den Konflikt, der im Mai auch zu einem innerisraelischen wurde, aus neutraler Warte zu beschreiben. Zwar habe sich die Lage in den Städten mit gemischter Bevölkerung aus jüdischen und muslimischen Israelis mittlerweile beruhigt, explosiv bleibe sie gleichwohl.

Verantwortlich für die Spannungen macht der in Jerusalem lebende Weinberg, der sich selbst als religiös bezeichnet, religiöse Fanatiker auf beiden Seiten. In der arabischen Bevölkerung in Israel wachse der Einfluss von Islamisten, auf der anderen Seite ließen jüdische Fanatiker kaum eine Gelegenheit aus, um die arabischen Einwohner zu provozieren. Als Funke, der das Pulverfass jederzeit wieder hochgehen lassen könne, eigneten sich Gebietsstreitigkeiten wie um »Scheich Jarrah« in Jerusalem oder um die Pilgerstätten auf dem Tempelberg. »Wer die gesamte muslimische Welt, wer Sunniten und Schiiten einen will, der muss sich nur an der al-Aqsa-Moschee vergreifen«, sagt Weinberg, der auf Einladung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft Gießen-Wetzlar, der Jüdischen Gemeinde Gießen und des Kirchenkreises Lahn und Dill spricht.

Den Eigentumsstreit zwischen Palästinensern und Juden um Grundstücke in »Scheich Jarrah«, der den Krieg im Mai mitausgelöst hatte, dröselt Weinberg für seine Zuhörer auf, am Ende steht seine Erkenntnis, dass die Anwendung von Recht nicht immer zu gerechten Lösungen führt. Gleichwohl genössen arabische Israelis in Israel Bürgerrechte wie nirgendwo sonst in der arabischen Welt. »Als Minderheit werden sie aber benachteiligt. Aber in welchem Land der Welt sind das Minderheiten nicht?«, fragt Weinberg und schließt die rhetorische Frage an: »Wie fühlen sich wohl Türken in Deutschland?«

Auch die dritte Weltreligion, die ihren Ursprung im Heiligen Land hat, kommt nicht ungeschoren davon. »Wir haben jüdische und islamische Fanatiker, und wenn die nicht reichen, kommen noch die christlichen dazu«, sagt Weinberg schmunzelnd und unter Gelächter. Er meint evangelikale Christen aus den USA, die jüdische Bewegungen finanzierten, die die Wiedererrichtung des »Dritten Tempels« auf Tempelberg anstrebten.

Bei so viel spiritueller Aufladung passt es ins Bild, dass Israel mit Naftali Bennett erstmals einen gläubigen Premierminister hat. »Die vor ihm waren alle Atheisten«, sagt Weinberg und macht überhaupt nicht den Eindruck, dass ihn das gestört hat.

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