Die Tierarzthelferin Bärbel Nachtigall bietet dem Patienten eine Leckerei an. FOTO: SCHEPP
+
Die Tierarzthelferin Bärbel Nachtigall bietet dem Patienten eine Leckerei an. FOTO: SCHEPP

Patient der Woche

Exoten in der Gießener Vogelklinik geheilt

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
    schließen

Papageien sind schön, aber ihre Haltung erfordert Fachwissen. Wenn dies fehlt, erkranken die Exoten und es gibt Arbeit für die Experten der Gießener Vogelklinik. Der Rosakakadu Coco ist so ein Fall.

Coco reißt den kräftigen Schnabel auf und schreit. Sehr laut und sehr durchdringend. Er klingt empört. Bärbel Nachtigall, tiermedizinische Fachangestellte in der Vogelklinik der JLU, hält den Rosakakadu mit geübtem Griff fest und entfernt für einen Moment seinen Halskragen. Der soll den schönen Vogel davon abhalten, erneut an seiner Wunde zu picken oder zu zupfen. Die Wunde an der Brust ist der Grund für den stationären Aufenthalt des Tieres. Es kam als Notfall in die Vogelklinik, nachdem der Haustierarzt seit einigen Monaten versucht hatte, das Problem mit Salben zu lösen. In Gießen, erläutert Dr. Helena Schneider, Fachtierärztin für Wirtschafts-, Wild- und Ziergeflügel, hat man den Rosakakadu zunächst chirurgisch versorgt. Das Prozedere ist dabei nicht viel anders als in der Humanmedizin oder als bei Hund oder Katze, die zwei Stockwerke tiefer behandelt werden. Es gibt eine Gasnarkose per Intubation, und auch bei einem Vogel werden während des Eingriffs alle Vitalfunktionen kontrolliert. Die Verletzung des Tieres hatte bereits die Hautschicht durchdrungen und den Muskel beschädigt. Im Röntgenbild hatten sich zudem Auffälligkeiten in der Niere und in den Luftsäcken gezeigt.

Letzteres weist darauf hin, dass Coco in einem Raucherhaushalt lebt, schildert Schneider. "Das ist für Papageien extrem schädlich". Im Körper des Vogels befinden sich außer der Lunge Luftsäcke; ähnlich wie bei einem Blasebalg wird Luft aufgenommen und wieder freigesetzt. Um die Regeneration zu fördern, lässt man den Patienten in der Klinik inhalieren, außerdem bekommt er Infusionen und Schmerzmittel. Die Diagnostik geht derweil weiter, unter anderem wird untersucht, ob die Zink- und Bleiwerte im Blut erhöht sind. Die Behandlungsschritte werden jeweils telefonisch mit dem Besitzer abgestimmt - nicht zuletzt, weil er die Kosten tragen muss. Der Austausch ist aber auch deshalb wichtig, weil der Besitzer bei der Ursachenerforschung behilflich sein kann. Je mehr er über die Haltungsbedingungen berichtet, desto einfacher wird die Diagnostik. Neben der Nikotin-Info ist zum Beispiel die Beschaffenheit des Käfigs von Bedeutung. Ist er verzinkt, so geraten Schwermetalle in den Körper, da der Vogel an den Stäben knabbert und mit der Zunge Giftstoffe herauslöst.

In Cocos Zuhause sind zwei Dinge positiv: Er lebt mit einem anderen Rosakakadu zusammen, und es handelt sich bei ihm nicht um eine Handaufzucht. Die Einzelhaltung ist in Deutschland im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz nicht verboten, bedauert Schneider, obwohl sie den Bedürfnissen des Tieres entgegen steht. Die Handaufzucht ist deshalb schlecht, weil sie in der Regel eine Fehlprägung auf den Menschen zur Folge hat. "Ein solches Tier kann nicht alleine bleiben, es leidet unter Verlustängsten". Verhaltensstörungen sind eine sehr häufige Folge nicht artgerechter Haltung. Der sprechende Papagei, den man aus alten Filmen kennt, war nichts anderes als ein einsames, gestörtes Tier, dem ein Kommunikationspartner fehlte.

Hiesige Papageien stammen aus Nachzuchten, die jeder ohne weiteres kaufen kann. Man muss lediglich den Kaufnachweis an die zuständige Behörde des RP schicken. Ob jemand sachkundig ist, spielt dabei keine Rolle. Schneider: "Wir würden uns natürlich sehr wünschen, dass sich die Interessenten mit den Bedürfnissen vertraut machen". Die meisten Papageien, die in die Klinik kommen, bekommen zu fettes Futter und sind unterbeschäftigt. "Statt Glöckchen und Spiegel brauchen sie etwas aus Ästen oder Bast, das sie zerlegen können".

Ursprünglich stammen Rosakakadus aus der australischen Steppe. Sie leben dort lebenslang mit einem Partner zusammen und sind in kleinen Gruppen unterwegs. Sie gelten als Flugakrobaten, die laut kreischend ihren Spaß an gewagten Drehungen kundtun. Aber das sind fremde und sehr ferne Welten für Papageien, die in Obhut des Menschen leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare