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Tourismus

Exklusiver Einblick: Zu Gast in Gießens größtem Hotel

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Wegen der Corona-Pandemie liegt Urlaub in Deutschland wieder im Trend. Warum in Gießens größtem Hotel die Betreiber optimistisch trotz der Einschränkungen sind.

Die Hände von Sandra Heck wischen über den Schreibtisch, als hätten sie niemals etwas anderes gemacht. Mit Sprühflasche und Lappen bewaffnet knöpft sich das Zimmermädchen jedes Staubkorn vor. Nach 20 Minuten ist Zimmer 114 fertig. Das Bad ist geputzt, die Betten gemacht, der Teppich gesaugt und die Minibar gefüllt. "Jetzt können die Gäste kommen", sagt Heck mit einem Lächeln. Ein Satz, der nicht nur im Hotel Steinsgarten mit großen Hoffnungen verbunden ist.

Die Corona-Pandemie hat die gesamte Tourismusbranche hart getroffen. Umso wichtiger sind die Sommerferien. Viele Deutsche meiden derzeit den Flug ins Ausland und verbringen ihren Urlaub lieber in der Heimat. "Die Destinationen an der deutschen Küste erleben einen großen Zuspruch", sagt Sven Appelt, der Direktor des Steinsgartens. Aber auch für sein Haus erhofft er sich positive Effekte. "Zimmer an der Nord- und Ostsee sind schwer zu bekommen und teuer. Ich rechne daher damit, dass viele Menschen keinen großen Jahresurlaub machen, sondern die freie Zeit auf Kurztrips verteilen."

Heike Lorenz und ihre Mutter Rita Dumbeck haben den Wunsch des Gießener Hoteldirektors offenbar erhört. Die beiden Frauen aus dem Karlsruher Raum haben für ein verlängertes Wochenende im Steinsgarten eingecheckt. "Eigentlich wollten wir unseren Familienurlaub auf Teneriffa verbringen. Aber wegen Corona war das nicht möglich", sagt Lorenz. Stattdessen habe sie sich zusammen mit ihrer Mutter für innerdeutsche Kurztrips entschieden. "Wir waren schon im Odenwald und im Aartal. Jetzt steht Gießen auf dem Programm." Die Badenerin ist im Internet auf das Arrangement des Steinsgarten gestoßen. "Wir waren schon in der Stadt, morgen fahren wir in die Therme nach Bad Endbach. Eigentlich wollten wir auch in den botanischen Garten, aber der hat leider zu."

Gießen ist nicht Teneriffa. Aber auch hier können die beiden Frauen unter Palmen liegen und die Hitze genießen. "Das ist unser Wellnessbereich", sagt Susana Opara. Die Hausdame des Steinsgartens steht gerade zwischen zwei eingetopften Palmen und blickt auf das Schwimmbad, dessen Boden von einem Saugroboter gereinigt wird. "Und hier", sagt die gebürtige Portugiesin und schreitet den kleinen Treppenabsatz hinab, "ist unser Saunabereich." Nach einem prüfenden Blick in die Regale - alle Handtücher liegen akkurat gefaltet in den Fächern - steuert sie den Aufzug an. Nächstes Ziel: die Zimmer.

Urlaub in Gießen: Hygiene im Hotel spielt eine besonders große Rolle

Als Hausdame ist Opara für Sauberkeit und Ordnung zuständig. "Ich schaue mir jeden Tag die An- und Abreisen an, erstelle Schichtpläne, briefe die Zimmermädchen und bestelle Ware." Die mit der Pandemie einhergehenden Hygienevorschriften seien dabei eine große Herausforderung. Neben dem üblichen Reinigungsdiensten und dem Säubern der Zimmer müsse das Personal derzeit dreimal täglich Desinfektionsrunden drehen. "Dabei werden Griffe, Schalter und andere Oberflächen gesäubert."

Der Aufzug hält im ersten Stock. Opara schaut in Zimmer 114 vorbei, in dem Heck gerade die Espressomaschine abstaubt. Nach getaner Arbeit kontrolliert Opara die Räume und versieht die Eingangstür mit einem Siegel. "Dieses Zimmer ist desinfiziert."

Über die Treppe geht es hinunter in den Speisesaal. Die Frühstückszeit ist bereits vorbei, lediglich ein Pärchen sitzt noch hier und weckt mit Kaffee die Lebensgeister. Währenddessen steht Küchenchef Michael Amend schon wieder am Herd und bereitet das Mittagessen vor. Gebratener Lammrücken, Fischragout und Schweinesteak stehen auf der Menükarte. "Momentan arbeiten wir pro Schicht mit zwei Mann", sagt Amend und schaut zum Nachbartisch. "Ramon bereitet gerade den Erbeeersalat vor."

Urlaub in Gießen: Kosten noch höher als Einnahmen

Der Blick in die Küche offenbart das derzeitige Dilemma, mit dem Hoteldirektor Appelt zu kämpfen hat. "Auch wenn wir nur vier Gäste hätten, muss ein Koch im Einsatz sein, der auch für 40 Gäste kochen könnte." Derzeit ließe die Auslastung des Hauses noch zu wünschen übrig, sowohl diesen als auch nächsten Monat würden die Kosten die Einnahmen übersteigen. Und trotzdem: Nach harten Monaten sieht Appelt einen Silberstreif am Horizont. "Die Menschen haben langsam wieder Lust auf Reisen. Sie wollen die Seele baumeln lassen und zumindest ein Wochenende mal nicht an Corona denken." Wenn es nach dem Direktor des Steinsgarten geht, wäre Gießen genau die richtige Adresse dafür.

Info

Nach Angaben des Rathauses gibt es 18 Hotels im Stadtgebiet. Das Steinsgarten ist mit 126 Zimmern das größte. 2019 haben die Hotels 170 692 Übernachtungen verzeichnet.

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