Europa: Nah und doch so fern

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Was Andrej Horwath von Europa trennt? Scheinbar nicht viel mehr als eine Ziege. Der junge Blogger lebt als Selbstversorger im Südosten Weißrusslands, irgendwo im Nirgendwo zwischen Swetlahorsk und der ukrainischen Grenze. Seit er sich die Ziege hält, kann er nicht mehr länger als einen Tag verreisen. Navid Kermani kommt aber sowieso zu ihm, an Tag 16 einer Expedition, die von Köln bis nach Isfahan führt, kreuz und quer durch Osteuropa. "Entlang den Gräben" heißt Kermanis Buch über diese Reise. Zum Abschluss der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Europa. Eine Welt von gestern?" stellte er es am Donnerstagabend in der voll besetzten Uni-Aula vor.

Was Andrej Horwath von Europa trennt? Scheinbar nicht viel mehr als eine Ziege. Der junge Blogger lebt als Selbstversorger im Südosten Weißrusslands, irgendwo im Nirgendwo zwischen Swetlahorsk und der ukrainischen Grenze. Seit er sich die Ziege hält, kann er nicht mehr länger als einen Tag verreisen. Navid Kermani kommt aber sowieso zu ihm, an Tag 16 einer Expedition, die von Köln bis nach Isfahan führt, kreuz und quer durch Osteuropa. "Entlang den Gräben" heißt Kermanis Buch über diese Reise. Zum Abschluss der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Europa. Eine Welt von gestern?" stellte er es am Donnerstagabend in der voll besetzten Uni-Aula vor.

Eines machte der Schriftsteller und Orientalist dabei besonders deutlich: Das Europa von heute könne nur verstehen, wer immer wieder die Perspektive der anderen einnehme. In knapp zwei Stunden lieferte er den Beleg für diese These – etwa mit der Geschichte von Andrej und seinen Nachbarn. Europa bedeute ihm "nichts", bekennt der Weißrusse. Für ihn und die Bauern im Dorf sei es "nur ein Name". Am Rande Europas trifft der Reporter also weder Euroskeptiker noch glühende EU-Anhänger – sondern Menschen, denen praktisch jeder Bezug zu Europa fehlt.

Nicht nur solche "intellektuellen" und "mentalen" Gräben hätten sich unterwegs aufgetan, berichtete Kermani im Gespräch mit Prof. Claus Leggewie. Auch "physische" Gräben existierten weit mehr, als man gemeinhin glaube. So habe kaum ein Land stärker unter dem Zweiten Weltkrieg, dem Nazi-Terror und sowjetischer Besatzung gelitten als Weißrussland, das bis heute "in einer Art Nachkriegsstimmung" verharre. Noch immer seien die Menschen dort "vollkommen traumatisiert" – ähnlich wie die Bewohner von Bergkarabach. In der Grenzregion zwischen Armenien und Aserbaidschan schwelt seit fast drei Jahrzehnten ein Krieg.

Kermani diskutiert mit dem armenischen Geistlichen Hovhannes Houhamesyan über Feindesliebe in Zeiten des Krieges. Die Aserbaidschaner kennt der Pater dabei nur als "Türken" – ohne jede Unterscheidung. Weniger noch: "Es gibt kein Land, das Aserbaidschan heißt", meint er und offenbart seinem Gast damit, dass die Erinnerungen an den Völkermord vor mehr als 100 Jahren stark nachwirken.

"Es ist nicht nur der Zweite Weltkrieg", betonte Kermani deshalb, wie vielschichtig europäische Gewalterfahrungen seien. Vor allem da, "wo Europa eine Utopie ist" – oder manchmal wie ein hohler Begriff klingt. Zum Beispiel im Iran. Vom Herkunftsland seiner Eltern aus gesehen erscheine Europa vor allem "verschlossen", meint Kermani. In Deutschland Asyl zu bekommen sei wegen des EU-Rechts fast unmöglich, qualifizierte junge Iraner emigrierten meist in die USA, nach Australien oder Japan.

Nach Auschwitz zieht es derweil Jahr für Jahr etliche Deutsche. An Tag drei seiner Reise besucht Kermani die KZ-Gedenkstätte. Im Buch dient diese Passage dazu, sich der eigenen Identität bewusst zu werden. Erinnerungspolitisch würden Orte wie Auschwitz bald an Bedeutung gewinnen, weil immer weniger Zeitzeugen das monströse Verbrechen schildern könnten.

Und Europa? Sei einfach "eine bestechende Idee", resümiert Kermani. Jedenfalls von außen gesehen. (Foto: csk)

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