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Euro-Münzen mischen sich langsam

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Gießen (kw). Wer hat denn diesen fülligen König? Ach, Belgien? Oh, ich habe eine irische Harfe! – In den ersten Monaten mit dem Euro-Bargeld beugten sich die Köpfe an der Ladenkasse oder in der Gaststätte häufig über das Kleingeld. Zehn Jahre später nehmen die meisten die national unterschiedlichen Münzrückseiten kaum noch wahr.

Die einen interessieren sich sowieso nicht dafür, die anderen haben alle gängigen Motive längst gesehen oder gar zu Hause im Sammelalbum. Wer doch hinschaut, stellt fest: Im Alltag geht man in Gießen – fernab der Grenzen – nach wie vor meistens mit Münzen um, die in Deutschland geprägt wurden.

Das Ergebnis einer kleinen Stichprobe unter Kollegen in der Redaktion der Gießener Allgemeinen Zeitung: Im Schnitt zeigen gut 80 Prozent der Geldstücke im Portemonnaie Eichenlaub (bei 1, 2, 5 Cent), Brandenburger Tor (10, 20, 50 Cent) oder Bundesadler (auf den Ein- und Zwei-Euro-Münzen). Der Durchschnitt in der ganzen Republik sieht ähnlich aus, bestätigen Studien.

Bei Scheinen steht X für Deutschland

In keiner offiziellen Stelle wird das Bargeld nach Herkunftsländern sortiert. Im Gegenteil: Die Mischung der unterschiedlichen Münzrückseiten soll den Charakter der Gemeinschaftswährung mitprägen. Weniger sichtbar ist, dass sich natürlich auch die Banknoten über die Grenzen hinaus verbreiten. Bei ihnen steht weist nur das X vor der Nummer auf Deutschland hin; die symbolischen Brücken-Bilder sind überall gleich.

Selbst wenn es den Euro noch jahrzehntelang gibt, werde das »eigene« Geld in Deutschland auch langfristig in der Mehrheit bleiben: Das sagt eine wissenschaftliche Analyse von Bundesbank-Mitarbeitern aus dem Jahr 2009 voraus. Demnach lag der Anteil der deutschen Münzen in Deutschland Ende 2008 bei etwa 75 Prozent, in einigen Jahren soll er auf zirka 53 Prozent sinken. Pro Jahr fließen 4,2 Prozent der deutschen Münzen in andere Länder der Eurozone, umgekehrt kommen 1,2 Prozent der ausländischen Münzen nach Deutschland.

Untersucht haben die Autoren allerdings nur die Ein-Euro-Münze. Und sie »wandert« anders als andere, heißt es in einer Studie der TU Bergakademie Freiberg, die Meldungen von Bürgern ausgewertet hat: »Offensichtlich sind die verschiedenen Münzsorten unterschiedlich mobil. Die Ein-Euro-Münze ist mobiler als die 20-Cent-Münze und viel mobiler als die Ein-Cent-Münze. Am mobilsten ist aber die Zwei-Euro-Münze, sie wurde in den Meldungen am häufigsten genannt.«

Nicht nur die sächsische Hochschule hat sich in den letzten Jahren mit dem Thema befasst. Denn für Wissenschaftler bietet das bisher einmalige Experiment einer solchen Währungs-Einführung viele spannende Fragen: Kein Experte konnte oder kann auf Erfahrungswerte zurückgreifen, geschweige denn einfach errechnen, wie das Geld sich unter den Staaten verteilt.

Für Forscher spannende Fragen

Zu viele Faktoren spielen mit: So seien in den Jahren seit der Euro-Einführung immer mehr Münzen geprägt worden, »wodurch sich der Durchmischungsprozess verlangsamte«, berichten die Bundesbank-Fachleute. Wäre es beim Bestand aus dem Jahr 2002 geblieben, so gäbe es in Deutschland irgendwann nur noch 22 Prozent »eigene« Münzen.

Und auch vieles andere ist zu berücksichtigen.

Zum Beispiel: Wohin reisen wie häufig die Bürger welches Landes, mit wie viel Geld gehen sie dort um? Wie viele deutsche Münzen erhalten Deutsche im Ausland und bringen sie dann wieder zurück? Wo wird im Alltag besonders gern »passend« in bar bezahlt? Wie viele »fremde« Münzen wurden am Anfang von Sammlern herausgefischt, welche selteneren Motive sind nach wie begehrt?

Insgesamt sind rund 86 Milliarden Euromünzen mit einem Gesamtwert von fast 21 Milliarden im Umlauf (Stand: August 2009). Fast ein Viertel davon sind Ein-Cent-Stücke.

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