Kopf von "Chemical Revolution" soll ein 28 Jahre alter Deutscher sein, der zuletzt auf Mallorca gelebt hat. FOTO: KHN
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Kopf von "Chemical Revolution" soll ein 28 Jahre alter Deutscher sein, der zuletzt auf Mallorca gelebt hat. FOTO: KHN

Escobar-Foto und Pizzabestellung

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Ein Foto mit einem Bruder des Drogenbarons Pablo Escobar aus Kolumbien, Luxusautos und verdeckte Ermittler - der Stoff, aus dem eine Netflix-Serie sein könnte. Im Verfahren um den bundesweit größten Online-Drogenhandel "Chemical Revolution" vorm Landgericht Gießen ist dies keine Fiktion.

Kolumbien sei eben ein schönes Land, sagt der gebürtige Pole mit niederländischem Pass. Er habe dort Urlaub gemacht und einen Bekannten getroffen, den er durch den Handel mit der Kryptowährung Bitcoins kenne. Nur: Warum gibt es von dieser Reise ein Foto von ihm mit dem Bruder des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar, will der Gießener Rechtsanwalt Frank Richtberg wissen: "Ging es um Kokain?" Der Angeklagte verneint. Seine Bekannten würden die Escobars einfach so kennen. Richtbergs Fragen im Prozess vor dem Landgericht Gießen zielen darauf ab, die Glaubwürdigkeit des 30 Jahre alten Mannes zu erschüttern. Denn dessen Aussagen sind bedeutend für das Verfahren gegen ihn und sechs weitere Männer, die hinter dem Online-Drogenhandel "Chemical Revolution" stehen sollen.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft den Angeklagten zwischen 25 und 44 Jahren vor, bandenmäßig mit großen Mengen Drogen gehandelt zu haben - zum Beispiel mit 130 Kilogramm Amphetamin, 42 Kilo Cannabis und sechs Kilo Kokain. Die Drogen sollen über Kuriere von den Niederlanden aus nach Deutschland transportiert und dort in Ferienwohnungen wie in Ortenberg deponiert worden sein. "Kunden" des Darknet-Shops erhielten die Drogen per Post. Die Angeklagten sollen zwischen 2017 und 2019 eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

Ende April hatte der 30 Jahre alte Niederländer in der Kongresshalle seine Aussage gemacht. Er schilderte die jeweiligen Aufgaben der mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe und berichtete von einem Treffen mit dem Kopf von "Chemical Revolution", der unter dem Namen "Joko7" auftrat. Dabei soll es sich nach Ansicht der Ermittler um den 28-jährigen Daniel B. handeln, ein Deutscher, der zuletzt auf Mallorca gelebt hat. Die Befragung des Angeklagten und Belastungszeugen war ausgesetzt worden, um die Akte eines anderen Verfahrens in Mannheim beizuziehen, die für den Prozess in Gießen eine Rolle spielt. Die Anwälte von Daniel B. hatten dies beantragt.

Kritik am BKA

In diesem Verfahren ging es um den Betrug mit nicht existierenden Ferienwohnungen; fast 60 Menschen fielen dem Schwindel zum Opfer, der finanzielle Schaden war mit über 300 000 Euro enorm. Im Rahmen dieses Prozesses hatte der 30 Jahre alte Angeklagte unter anderem mehrere Mitglieder von "Chemical Revolution" identifiziert, darunter auch den mutmaßlichen Kopf der Gruppe, Daniel B.

Es verwundert nicht, dass die Rechtsanwälte der vom Niederländer belasteten Angeklagten bei ihren Fragen vor allem auf dessen Glaubwürdigkeit zielen. Richtberg versucht es mit dem Florett: Zum Beispiel fragt er ihn, warum er mit Luxusgütern wie teuren Autos geprahlt habe. Dabei habe der stets mit Polizeischutz in die Kongresshalle eskortierte Angeklagte berichtet, er sei wegen des fehlendes Geldes für die teure Spezialbehandlung seiner seltenen Krankheit auf die schiefe Bahn geraten.

Auch hält es Richtberg für auffällig, dass der Angeklagte bei manchen Kontakten aus dem Drogenhandel Erinnerungslücken offenbart - nur in dem Gießener Verfahren anscheinend nicht. "Können Sie sich gut Geschichten ausdenken?", fragt ihn Richtberg und schiebt hinterher: "Der Mann ist mehrfach vorbestraft wegen Betrugs. Genau das macht er jetzt auch mit seinen ehemaligen Kumpanen."

Anders als Richtberg wählt der Anwalt von Daniel B., Till Gutsche, nicht das Florett, sondern die Panzerfaust. Der Frankfurter Strafverteidiger fährt dem Angeklagten, dessen Rechtsvertreter und der Generalstaatsanwältin derart penetrant über den Mund, dass ihn Richter Klaus Bergmann ermahnt: Was Gutsche mache, "entbehrt jeder seriösen Verteidigerarbeit".

Flug nach Mallorca

Gutsche und sein Kollege Florian Dick zielen vor allem auf die Arbeitsweise des Bundeskriminalamts (BKA). Ihr Vorwurf: Die Ermittler hätten dem Niederländer vieles in den Mund gelegt. So gibt der 30-Jährige an, zum Teil über den Nachrichtendienst Telegram mit den Ermittlern kommuniziert zu haben. In den Akten finden sich diese Gespräche nicht. Deshalb fordert Gutsche, das Smartphone des Angeklagten auswerten zu lassen. Der zuständige BKA-Beamte begründet als Zeuge das Fehlen der Informationen in der Akte damit, dass es sich nur um eine Umfeldermittlung gehandelt habe. Dies motiviert Richtberg zu weiteren scharfen Nachfragen.

Am Ende, berichtet der Ermittler vor Gericht, ist "Joko7" wohl über eine Pizzabestellung gestolpert. Über die E-Mail-Adresse der Freundin von Daniel B. sei eine Pizza geordert worden. Recherchen hätten die BKA-Beamten auf diesem Wege zu einer Mallorca-Flugbuchung und einer Kreditkarte von Daniel B. geführt, der sich im Internet als Unternehmer mit Führungsqualitäten präsentiert. Als dieser in seiner bayerischen Heimat seinen Reisepass verlängern wollte, klickten die Handschellen.

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