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Während der Kundgebung am Freitagabend vor dem Gießener Rathaus zeigen mehrere der rund 800 Demonstranten Bilder der Terroropfer von Hanau.

Es beginnt mit Worten

  • VonChristian Schneebeck
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Der rechtsextremistische Mordanschlag von Hanau war kein Einzelfall. Das betonen die mehr als 800 Teilnehmer einer Demonstration in Gießen. Lautstark erinnern sie auch an weitere Gewalttaten - und daran, dass Extremismus oft in der Sprache anfange.

Selbst unter normalen Umständen wäre der Platz vor dem Rathaus wahrscheinlich zu klein. Mit coronakonformen Abständen fasst er am Freitagabend erst recht nicht alle Demonstranten. Mehr als 800 Personen sind dem Aufruf diverser Initiativen und Organisationen gefolgt und haben sich versammelt, um der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau vor einem Jahr zu gedenken. Am 19. Februar 2020 ermordete dort ein Attentäter aus Fremdenhass neun Menschen. Bei einem Protestzug durch die Gießener Innenstadt zeigen manche Teilnehmer die Porträts der Opfer und skandieren deren Namen. »Hanau war kein Einzelfall! Widerstand überall!«, rufen sie. Genau diesen Punkt betonen später, auf einer Kundgebung, auch mehrere Redner.

»Hanau reiht sich ein in die nahezu unendliche Liste jener Städte, die vom rechten Terror getroffen wurden«, sagt Stadtschulsprecher Stergios Svolos und nennt konkret etwa den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Bahar Özer kritisiert einen »latenten strukturellen Rassismus in den Behörden«. Damit stärke der Staat gewaltbereite Extremisten im Zweifel eher, als dass er sie rechtzeitig stoppe. Was das für Konsequenzen habe, könne man an einer »schier unfassbaren Zahl« leicht ablesen: Mindestens 213 Menschen seien seit der Wiedervereinigung allein hierzulande durch rechtsextremistische Gewalttaten getötet worden, sagt Özer.

Eine »neue Qualität rechter Gewalt« hat unterdessen Klaus Zecher ausgemacht. Der DGB-Kreisvorsitzende zielt mit seiner Rede besonders auf die Parteipolitik. Namentlich die AfD habe den öffentlichen Diskurs in den vergangenen Jahren weit nach rechts verschoben - und damit auch einen Nährboden für Rassismus bereitet. »Keinen Fußbreit den Faschisten und ihren Steigbügelhaltern« gelte indes nicht nur für Gewerkschafter, sagt Zecher. Aber: »Es wird sicher kein kurzer Weg.«

Schweigeminute, Wut und Entsetzen

Ihr Weg durch die Innenstadt führt die Demonstranten zunächst über die Südanlage und die Westanlage, dann ab dem Oswaldsgarten in Richtung Marktplatz und wieder zurück zum Ausgangspunkt am Berliner Platz. Zu sehen sind beispielsweise Fahnen und Transparente der Ausländerbeiräte, einiger linker Jugendverbände, von »Fridays For Future« und dem DGB. In Vierer-Reihen schlängelt sich der Zug schier endlos lang durch die Straßen - was entsprechend große Aufmerksamkeit bei den Passanten erregt.

Aufmerksam machen wollen auch viele Redebeiträge. Sie beleuchten denkbar unterschiedliche Aspekte. So brandmarken Julie Sir und Alena Hilpert vom Verein »mitmission« einen »rassistisch normalisierten Sprachgebrauch«. Da werde die NSU-Mordserie schon mal zu den »Dönermorden« und die ermittelnde Sonderkommission firmiere - ganz selbstverständlich - als »Soko Bosporus«. Indes gelte gerade bei rassistischer Wortwahl: »Es verletzt nicht nur, wenn es so gemeint ist, sondern immer!«

Außerdem sprechen Tim van Slobbe für den Kreisausländerbeirat und Luca Steinbeck für die Organisation »Seebrücke«, ferner Vertreterinnen des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan (»XYK«) und der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Gießen. Während einer Schweigeminute kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Als Stergios Svolos zum zweiten Mal an das Mikro tritt, sind dagegen Wut und Entsetzen über rechtsextremistisch motivierte Morde mit Händen zu greifen. »Wir alle haben etwas, was Rechtsextremisten nie haben werden«, beschwört der Stadtschülersprecher das Publikum: »Bildung und Menschlichkeit.«

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