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Gisela Zimmernann mit Bibelpüppchen und Babypuppe - sie symbolisieren die Kinder und Familien, die sie in ihren Berufsjahren begleitet hat FOTO: SCHEPP

Kinder und Eltern

Gießener Erzieherin über Erziehungstrends: "Einfach mal nichts tun"

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Die Gießenerin Gisela Zimmermann hat in 40 Berufsjahren viele Erziehungstrends kommen und gehen sehen. Sie rät Eltern generell zu mehr Gelassenheit.

Jetzt machst du mal ein schönes Puzzle. Es gibt Sätze, da stellen sich bei Gisela Zimmermann die Nackenhaare auf. Sie kann es nicht leiden, wenn Kinder dauernd Vorgaben erfüllen sollen. Als die heute 65-Jährige vor 43 Jahren als junge Erzieherin beim Caritasverband begann, waren gerade Vorschulblätter in Mode, mit deren Hilfe die Kinder schon mal für den "Ernst des Lebens" rechneten und schrieben, sehr strukturiert. "Schwingübungen und solche Sachen", erinnert sie sich mit Grausen. "Damit konnte ich noch nie umgehen." Eltern und ältere Kolleginnen fanden es hilfreich, die Kinder schon im Kindergarten auf die Schule vorzubereiten. Der Pädagogin waren immer ganz andere Dinge wichtig. Die Kita sei der Ort, an dem die Kinder sich ausprobieren können. "Was kann ich? Wie funktioniert die Kommunikation mit anderen? Spielen, streiten, sich versöhnen, zugucken, staunen, all dies passiere in der Kita. Die Kinder erlebten eine Vielfalt, die von unschätzbarem Wert sei.

Erziehungstrends: Von Helikoptereltern zu Rasenmähereltern

In ihren Anfangsjahren sei der Anspruch der Eltern ein anderer gewesen als heute. Sicher, sauber, satt hieß noch in den 70ern der verkürzte Nenner. Viele berufstätige Frauen waren froh, in ihrem Wohnquartier einen Platz für ihr Kind gefunden zu haben, die Konzeption dahinter habe oft keine so große Rolle gespielt. Etwas später habe man erkannt, dass eine individuelle Förderung der Kinder wichtig sei, die jeweilige Entwicklungsphase wurde viel mehr wahrgenommen. Der erste Pisa-Schock habe für eine weitere Wende gesorgt, der Leistungsgedanke sei immer stärker geworden. Heute erwarteten viele Eltern eine Art Rundum-Sorglos-Paket. Die Kinder sollten in der Kita alles erlernen - Kulturtechniken, soziale Kompetenzen, Manieren, Wortschatz - ohne zu bedenken, dass die Basis für alles im Elternhaus gelegt werde. "Die Kita soll es richten." In den letzten Jahren habe sich die Anspruchshaltung noch einmal geändert. Die Eltern rückten immer mehr nur das eigene Kind in den Fokus, die Gruppe, in der es sich bewege, interessiere sie weniger. Mit der Kita, so deren Einstellung, werde eine Art Dienstleistung gebucht. Dabei werde übersehen, dass es in diesem sozialen Gefüge um die Förderung und das Wohl aller kleinen Menschen gehe, die dort betreut werden. Natürlich, räumt Zimmermann ein, sei dies eine pauschale, verallgemeinernde Darstellung. "Es gibt sehr viele Eltern, die das alles richtig toll machen."

Die Mütter und Väter wollten alles richtig machen und nähmen eine Menge auf sich, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. "Die leisten wirklich Großartiges", sagt die 65-Jährige. Doch es gebe eben auch spürbare Trends. Neben der egozentrischen Anspruchshaltung sei die Unsicherheit vieler Eltern auffallend. Sie täten sich schwer mit dem Loslassen und wollten bis ins kleinste Detail kontrollieren, wie der Tag in der Kita für ihr Kind aussehe. Wann isst und spielt es, wann schläft es? Ist auch alles wie zu Hause? Zweifel und Unbehagen seien aber keine gute Voraussetzungen für eine glückliche Kita-Zeit, denn die Skepsis übertage sich auch auf das Kind. Dabei gebe es allen Grund dafür, vertrauensvoll mit den Erzieherinnen zusammen zu arbeiten. Allein die Eingewöhnungszeit gelinge heute dank Erfahrung, Kompetenz und Empathie sehr gut. "Früher war das eine grausige Trennung von heute auf morgen, das ist zum Glück heute ganz anders". Wenn Kinder im Elternhaus gute tragfähige Bindungen hätten und diese auch in der Kita aufbauen könnten, seien dies ideale Voraussetzungen - dies gelte sowohl für die Kinder über drei Jahres als auch für die Krabbelkinder.

Erzieherin: "Wenn es zu Hause langweilig ist, dann halten das viele schlecht aus"

Was gibt Gisela Zimmerann den Eltern mit auf den Weg? "Ich rate ihnen, den Mut und die Nerven zu haben, mal gar nichts zu machen." Wenn Nachmittage und Wochenenden voller Verabredungen und Aktionen seien, so sei dies oft eine Überforderung für die Kinder. Lange Kitatage seien insbesondere für die Kleinsten schon anstrengend genug. "Wenn es zu Hause langweilig ist, dann halten das viele schlecht aus. Es gehört aber auch dazu, einfach mal kein Programm zu haben". Das sei anstrengend, doch von diesen Ruhephasen, in denen die Kinder nicht bespaßt würden, profitierten letztlich alle. Statt ständiger Termine und Events könne man z.B. mal hinaus gehen: "Ein Spaziergang im Regen kann ein Abenteuer sein. In die Pfützen springen, schauen, was man für Blätter entdeckt und ob Regenwürmer unterwegs sind." In solchen Momenten stecke viel kreatives Potenzial - und Spaß machen sie auch noch.

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