Eine Weltkugel für Haltsuchende und Informationen für Ratsuchende. FOTO: CG
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Eine Weltkugel für Haltsuchende und Informationen für Ratsuchende. FOTO: CG

Erst ein Kunststück, dann ein Kunstwerk

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Please don’t push. Nicht drücken. Einfach nichts zu tun, ist gar nicht so leicht. Zumindest am Eingang des Rathauses nicht. Wie kommt man durch die Glasdrehtür, ohne mit der Stirn an die Scheibe zu knallen oder stecken zu bleiben? Ein kleines Kunststück, das letztlich allen gelingt, aber viele haben ihre Last damit - und schauen sich ein bisschen verschämt um. Hoffentlich guckt keiner.

Ein trüber Vormittag im Januar. Es wird nicht richtig hell draußen, es regnet. Die indirekte Beleuchtung in den Fluren des Foyers macht den Winter ein wenig freundlicher. "Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt die Frau am Info-Stand freundlich. Sie erklärt geduldig den Weg zum Amt für soziale Angelegenheiten, zu einer Fachtagung im zweiten Stock, zum Jugendamt. "Wo ist die Unterhaltsvorschusskasse?", flüstert eine junge Frau. "Wie bitte?", ruft die Empfangsdame, und nachdem die Frau ihre Frage ein zweites Mal gestellt hat, flüstert auch sie. "Hier entlang, und dann erst mal rechts." Die Türen des Stadtbüros stehen offen. "Dingdong", tönt es immer dann auf den Flur, wenn ein neuer Kunde aufgerufen wird. Die trockene Luft macht den Pflanzen zu schaffen, die vor der Fensterfront stehen. Manchmal segelt hier und da ein Blättchen der großen Ficus Benjamini auf den glänzenden Boden. Die Stadtverwaltung sucht eine Aushilfskraft für den Reinigungsdienst, steht auf einem Schild. Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich, aber - fett gedruckt - Deutschkenntnisse in Wort und Schrift.

Fast jeder, der das Foyer betritt, putzt sich auf den großen Fußabtretern die Schuhe ab, offenbar ein Reflex. Schmutz und Nässe sollen draußen bleiben. Neben dem Aufzug schmückt ein "Kunstwerk für Haltsuchende" den Raum. Auf einer Info-Tafel gibt es Interpretationshilfe. Der Erdball aus Metall habe keine bevorzugte Schauseite, alle Ansichten seien gleichgewichtig und gleichbedeutend, so wie die Menschen, die das Rathaus betreten. Die aus Haltegriffen bestehende Kugel biete jedem Hilfesuchenden symbolischen Halt. Darüber kann man nachdenken. Ist das graue Theorie oder gelebte Realität? Würde man die Menschen befragen, die das Rathaus aufsuchen, bekäme man unterschiedliche Antworten. Jeder hat eine andere Wahrnehmung - und so mancher seine eigene Philosophie.

Ein Mann, der in zwei großen Tragetaschen seinen Hausstand mit sich zu führen scheint, ist auf dem Weg zum Info-Schalter. "Temperatur rauf, Kapital runter, das ist meine Definition der Lage", sagt er. Auch darüber kann man nachdenken. (cg)

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