Erst Etappensieg bei Gleichberechtigung erzielt

Gießen (si). Mit einem Festakt hat die Universität Gießen am Sonntag daran erinnert, dass sie vor taggenau 100 Jahren - am 26. Oktober 1908 - ihre Vorlesungssäle für Studentinnen öffnete. Damals sei hier wie an anderen Hochschulen "eine männliche Bastion grundlegend erschüttert worden", sagte die Festrednerin, Justizministerin Brigitte Zypries, die von einem "Etappensieg" beim Kampf um die Gleichberechtigung sprach.

Inzwischen stellten die Frauen zwar über die Hälfte der Studierenden, beim qualifizierten Personal seien sie jedoch immer noch unterrepräsentiert, nicht nur in den Universitäten. Zur Förderung der Gleichberechtigung seien deshalb weiterhin strukturelle Maßnahmen notwendig, beispielsweise zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sagte Zypries, die in den 70ern an der Justus-Liebig-Universität Rechtswissenschaft studiert hatte und dann hier wissenschaftliche Mitarbeitern war. Rund 350 Gäste aus Hochschule, Politik und Verwaltung, aber auch viele interessierte Bürgerinnen und Bürger verfolgten den knapp zweistündigen Festakt in der Aula.

Die Forderung nach einer allgemeinen Rechtsgleichheit wurzele geistesgeschichtlich in der Aufklärung. Die Idee, dass Frauen dezidiert gleichberechtigt sein sollten, habe - zumal in Deutschland - noch im 19. Jahrhundert nur eine randständige Rolle gespielt, sagte Zypries. Erst mit der Industrialisierung hätten sich ihre Bildungschancen behutsam erweitert, vor allem für Frauen aus bürgerlichen Kreisen.

Zwar habe Baden im Jahre 1900 die ersten Frauen immatrikuliert - Gießen folgte zeitgleich mit Marburg und Darmstadt acht Jahre später als letzte deutsche Hochschulen -, doch die Diskriminierungen seien mit dem Recht auf Einschreibung keineswegs beendet gewesen, machte Zypries an vielen Beispielen deutlich: so, dass die Zulassung von Frauen zum Richteramt noch in den 20er Jahren auf scharfe Proteste stieß oder Studentinnen den Hörsaal verlassen mussten, wenn das Sexualstrafrecht auf dem Lehrplan stand.

Auch wenn es inzwischen mehr Studentinnen als Studenten gebe (an der Justus-Liebig-Universität sind sogar zwei Drittel aller Studierenden Frauen): Die Absolventenquote spiegele nicht annähernd die Wirklichkeit im beruflichen Alltag wider, sagte Zypries. In den Hochschulen liege die Quote der Professorinnen in vielen Fachbereichen unter zehn Prozent (JLU: 16 Prozent). In vielen Wirtschaftsunternehmen sehe es noch düsterer aus. Bessere öffentliche Betreuungsangebote seien eine wichtige, aber keineswegs ausreichende Gegenmaßnahme. Notwendig seien beispielsweise auch mehr Teilzeitangebote, und zwar nicht nur für Frauen. Auch für Männer müsse es selbstverständlich werden, "dass sie eine Zeitlang halbtags arbeiten oder ihre Kinder einmal mit ins Büro nehmen".

Viele Männer machten ihr Selbstwertgefühl immer noch davon abhängig, dass sie möglichst viel Zeit im Büro und möglichst wenig Zeit mit ihrer Familie verbrächten. "Permanente Überstunden sind aber kein Zeichen von Bedeutung, sie sind ein Zeichen für schlechtes Zeitmanagement", sagte sie unter großem Beifall.

Beim Zugang zum Beruf dürfe nur die Qualität entscheiden. Und hier hätten Frauen, die häufig überdurchschnittlich gute Abschlussnoten erhielten, große Chancen. Wenn es erstklassige Frauen gebe, dürften Jobs nicht mit den zweitbesten Männern besetzt werden. Das sei ein Gebot der Gerechtigkeit, betonte die Ministerin.

Wie schwer es junge Wissenschaftlerinnen in der jungen Bundesrepublik in den Hochschulen hatten, machte die jetzt 86-jährige Professorin Lore Steubing in ihren persönlichen Erinnerungen deutlich: Die Botanikerin war schon mehrere Jahre in Potsdam Hochschullehrerin gewesen, als sie aus politischen Gründen in den Westen flüchtete und 1957 nach Gießen kam. Zunächst arbeitete sie als Hilfskraft an der Wetterstation in der Fröbelstraße, an der Universität war für sie trotz unbestrittener Qualifikationen kein Platz, selbst eine Stelle als Assistentin bekam sie nur mit großer Mühe.

Bei der Einweihung der Universitätsbibliothek in der Bismarckstraße habe sie aber doch als Professorin mitlaufen dürfen - dafür war sie schmuck genug, nachdem man für sie beim Schneider den ersten "Frauen-Talar" in der Geschichte der Hochschule hatte anfertigen lassen. Noch 1966 sagte Steubing eine äußerst lukrative Professur in Zürich ab, nachdem ihr das hessische Wissenschaftsministerium ein Ordinariat in Gießen versprochen hatte - eine Zusage, die dann "aus finanziellen Gründen" rückgängig gemacht wurde. Erst 1969 erhielt sie hier den Botanischen Lehrstuhl und wurde Direktorin des ersten Instituts für Pflanzenökologie in der Geschichte der Bundesrepublik.

JLU-Präsident Prof. Stefan Hormuth und die Frauenbeauftragte Marion Oberschelp, die die Jubiläumsfeiern organisiert hat, hießen die Gäste willkommen. Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (von 1989 bis 2006 mit Oberschelp Frauenbeauftragte) sprach ein Grußwort. Für den musikalischen Rahmen sorgte die Sängerin Dorothee Becker. Anschließend wurde die Ausstellung "Vom heimischen Herd in die akademische Welt. 100 Jahre Frauenstudium an der Universität Gießen" eröffnet, sie ist bis zum 12. Dezember im Rektorenzimmer im Hauptgebäude zu sehen (Bericht morgen). In der nun folgenden Festwoche gibt es, wie ausführlich vorgestellt, täglich Veranstaltungen. Mehr im Gießen-Info oder unter . (Fotos: fm)

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