Erst das Buch, dann der Ball

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Ulli Potofski macht den Leseort zum Fußballfeld und den Sportplatz zum Ort literarischer Begegnung. Beim "kick and read" in der Pestalozzischule hören ihm leider nicht die erhofften 200 Kinder zu, sondern nur knapp 40 – und kicken danach begeistert mit dem bekannten Sportmoderator.

Lesen steht bei vielen Jungen im Grundschulalter eher weniger hoch im Kurs. Umso erstaunlicher ist es, dass sie bei der Lesung mit Sportmoderator Ulli Potofski, zu der das Literarische Zentrum und der Mittelhessische Kultursommer an diesem Donnerstagnachmittag in die Pestalozzischule eingeladen haben, die Mehrheit bilden. Da mag wohl das anschließende gemeinsame Fußballspielen mit dem bekannten Fußballkommentator den Ausschlag gegeben haben. Doch dass insgesamt nur knapp 40 Kinder überhaupt teilnehmen, sorgt nicht nur bei den Veranstaltern, die angekündigt hatten, maximal 200 Kinder in die Turnhalle lassen zu können, für Verwunderung.

Die Jungen und Mädchen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen, haben jedoch ihren Spaß. "Ich bin der Ulli", stellt sich der Sportmoderator, Hörspielsprecher und Kinderbuchautor, dessen Bücher von Fußballfan Locke und anderen Kickern beliebt sind, den Zuhörern vor und beruhigt einen Jungen im Dortmund-Trikot: "Auch Kinder im Borussia-Trikot sind willkommen, obwohl ich ein Schalker bin. Aber ich nehme sowieso jedes Kind dankbar zur Kenntnis, das ein Buch liest." Dass davon dann doch einige vertreten sind, zeigt seine Frage nach der aktuellen Lektüre der Zweit- und Drittklässler: Glaubt man den zahlreichen Wortmeldungen, dann müssten "Die Wilden Kerle" auf fast jedem Nachttisch in Gießens Kinderzimmern zu finden sein.

Mit dem angekündigten Lesen wird es an diesem Nachmittag nicht wirklich etwas. Potofski schlägt eine Auswahl seiner Bücher nur auf, um Illustrationen zu zeigen. Und auch die achtjährige Olivia und der junge Rabin dürfen ran und werden vom Kommentator für Live-Schalten und ein Interview eingesetzt. Der Rest ist Hörspielsprecher- und Sportkommentatorenkunst. Potofski rezitiert seine Geschichten, streut immer wieder wie in einem Hörspiel Geräusche ein, plaudert druckreif. Da hat er schon längst die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörer sicher, die ihn zuvor noch ungeduldig mit Fragen nach Messi, Ronaldo oder Manuel Neuer gelöchert haben. Von den drei Swimmingpools in Messis Haus in Barcelona wollen sie hören, schließlich haben sie den schon auf "Sky" (Potofskis Arbeitgeber) gesehen.

Von Voodoo und Torschützen

Als der Fußballexperte dann noch von seinem Besuch bei einer 15-köpfigen Familie in einem Kapstadter Township erzählt und Auszüge aus seiner Kickergeschichte "Locke und der Voodoo-Zauber" vorträgt, da stöhnen die Kinder entsetzt auf. Leben in einer Wellblechhütte, Arbeiten auf einer stinkenden Müllkippe und ein Leben ohne Handy, Fernseher oder gar Playstation – das ist für die kleinen Gießener unvorstellbar. Vielleicht greift nach diesem "kick and read" mit dem sympathischen Ulli der eine oder andere doch mal wieder zum Buch.

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