Autos statt Marktstände: Das Schicksal des Lindenplatzes an fünf Tagen der Woche. FOTO: CG
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Autos statt Marktstände: Das Schicksal des Lindenplatzes an fünf Tagen der Woche. FOTO: CG

Erschöpfte Pflanzen und hartnäckige Autofahrer

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Hinter dem Rankgitter an der Betonsäule verkümmert Kapuzinerkresse. Sie hat es einen Meter hoch geschafft und dann aufgegeben. Wenn kein Wochenmarkt ist, wirkt der gesamte Lindenplatz so: Irgendwie aufgegeben. Den Lindenbäumen sieht man den langen, trockenen Sommer an. Die ersten Blätter segeln zu Boden und gesellen sich zu Kaugummi und Taubenkot.

"Mehr Human als Autos", steht auf dem Pflaster am Rande der Marktlauben. Sprachlich eigenwillig, aber der Forderung möchte man sich anschließen. Dem Platz stehen Menschen und Marktstände deutlich besser als Blechkarossen, zumal es ein ständiges Kreisen um die wenigen Parkplätze gibt. Die Fahrer bleiben minutenlang mit laufendem Motor stehen. Im Gegensatz zu den zarten Pflänzchen geben sie nicht so schnell auf.

Ein alter Mann hat seinen Wagen halb auf eine umpflasterte Baumscheibe gestellt, die Fläche liegt etwas außerhalb der Parkzone. Nun will er den Platz wieder verlassen. Das geht aber nicht, weil ein anderer Autofahrer seinen weißen Jaguar quer hinter ihn gestellt hat. Eine junge Frau macht ihn darauf aufmerksam. "Ich stehe korrekt, der da nicht", sagt der Typ - zerknittertes Leinenjackett, Turnschuhe - und zeigt mit dem Finger auf den Senior. Mit dem federnden Gang eines aufrechten Besserwissers holt er sich ein Parkticket. Der Falschparker bittet ihn zerknirscht, ein Stück zur Seite zu fahren. "Natürlich, mache ich", sagt der Jaguarbesitzer. Statt der erwarteten Konfrontation löst sich alles in Wohlgefallen auf.

"Ich telefoniere", quietscht ein kleines Mädchen, das mit seinem Roller den Platz überquert. Lachend hält es in der ramponierten Telefonzelle den Hörer ans Ohr. Der Papa folgt wenig beeindruckt, er beachtete die Kleine kaum. Auch er telefoniert. Er hat sein Handy am Ohr. Zwei Frauen mit geblümten Kopftüchern und in langen, dunkelblauen Mänteln rangieren ihren großen dunkelblauen SUV aus der Lücke. Kein Kinderspiel, aber schließlich gelingt es.

Sofort wird die Lücke geschlossen. "Hier gibt’s das beste Sushi", sagt der Fahrer zu seinem Kumpel. Sie gehen in Richtung rot-grüner Leuchtreklame gegenüber: "Kim Phat Bubble Tea" wird dort angepriesen. An der ehemaligen Bierbörse reckt ein großformatiger Oliver Kahn den Daumen und wirbt für Sportwetten, die Käseglocke verkündet den Beginn der Raclette-Saison, Kick hat wie immer Billigklamotten noch billiger. Der Laden mit Kinderkleidung an der Ecke öffnet nur noch einmal in der Woche. Oben wohnt jemand, der Katzen hält. Hinter dem Fenster steht ein Kratzbaum, von dort haben die Miezen einen guten Ausblick. "1953 NH" steht an dem Haus. Neue Heimat. Neu ist um den Lindenplatz herum zwar nichts mehr, aber eine Heimat ist er schon. Mit und ohne Pkw. (cg)

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