Erotik des Teebeutels

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Für seinen Gedichtband "Regentonnenvariationen" bekam Jan Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse, als erster Lyriker im Bereich Belletristik. Im vergangenen Jahr folgte der Büchner-Preis. Warum beides wohlverdient war und warum auch ein Teebeutel erotisch sein kann, zeigte der Wortspieler bei seiner Lesung in der Uni-Aula auf Einladung des LZG.

Aus Schleswig-Holstein, dort "wo die schwarz-weißen Kühe die höchsten Erhebungen sind", kommt Jan Wagner. Und längst hat der smarte Lyriker, Wahl-Berliner und bekennende Weltbürger die Republik mit seinen brillanten Versen und heiter-treffsicherer Prosa erobert. Von Preisen überhäuft, hat er Lyrik wieder schick gemacht. Und so erstaunte es doch, dass seine Lesung am Donnerstagabend auf Einladung des Literarischen Zentrums in der Uni-Aula eher mäßig besucht war. All jene, die seine Rezitation und das anschließende Gespräch mit Dr. Christoph Schanze von den JLU-Germanisten nicht erlebt haben, haben definitiv einen der Höhepunkte im diesjährigen Literaturprogramm der Stadt verpasst.

Jan Wagner begreift die Lyrik als "Essenz der Literatur" und gefällt sich darin, die ach so kleinen Dinge des Lebens aufs Podest der mehr oder weniger gereimten Wortkunst zu stellen und ihnen so eine das große Ganze umfassende Größe zu geben. Seien es die "Alten Biker", die er neu entdeckt, oder die Koalas, die er als "Bohème der Trägheit" würdigt; seien es der schnöde Nagel, das simple Bettlaken oder der längst außer Mode gekommene Muff – Wagner gibt ihnen mit seinen Ding- und Tiergedichten Format. Dass er dies mit heiterer Leichtigkeit und betörender Stimme vorträgt, wofür ihn sogar einmal eine Münchener Lebedame als "erotischen Telefondienstleiter" in ihrem Etablissement verpflichten wollte, tut ein Übriges dazu. Nur die Lateinlehrer dürften wenig amüsiert sein, wenn er ihnen entgegenruft: "Nur Tote sprechen tote Sprachen."

Was ist autobiografisch? Was ist im berühmten Ohrensessel sitzend nur in des Dichters Kopf entstanden? Man weiß es nicht. Und Wagner spielt geschickt mit diesem Rästel. So wie einst in seiner Lieblingsbuchhandlung eine Eingangstür den Weg zu den viele weitere Fantasietüren öffnenden Büchern wies, so lenken Wagners Gedichte den Blick auf die kleinen, doch unerwartet spannenden Dinge des Lebens. Dem Unkraut "Giersch" hat der bekennende Balkonbesitzer ein Denkmal aus Worten gesetzt und einem Mückenschwarm ästhetische Dimension verliehen. Er sei selbst überrascht, was am Ende seiner Gedichte, jenen "Kapseln der Freiheit", herauskomme, wobei ihn die strenge Form zuweilen zu besonderen Herausforderungen ansporne, bekennt er. Wenn er dann am Ende seiner Lesung das Loblied auf europäische Flughäfen singt, in denen entgegen aller Befürchtungen der Kauf eines legendären Earl-Grey-Tees die Massen teilt und stinkender französischer Käse die strengen Zollbeamten verzückt, dann gehen kunstvolles Wortspiel und exakte Beobachtung eine vergnügliche Symbiose ein. Da braucht es keine "Leitartikel"-Gedichte, die den Vorwurf, Wagners Gedichte seien Eskapismus, entkräften könnten. Und typische Liebesgedichte sowieso nicht. Schließlich gilt Wagners Credo: "Die ganze Erotik steckt im Teebeutel." (Foto: gl)

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