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Emilia Smechowski fühlte sich kurz nach ihrer Ankunft in Danzig »so fremd wie in Timbuktu«.

Ernüchternde Expedition

Emilia Smechowski ist stellvertretende Chefredakteurin des »Zeit«-Magazins. Mit ihrer kleinen Tochter hat sie ein Jahr lang in ihrem Geburtsland Polen gelebt, das sie selbst als Fünfjährige verlassen hatte. Über diese »Rückkehr nach Polen« hat sie ein Buch geschrieben und dieses nun im LZG bei einer digitalen Lesung vorgestellt.

In Polen ist das Internet in der letzten Ecke besser als in mancher deutschen Großstadt«, sagt Emilia Smechowski. Vielleicht wäre es also besser verlaufen, wenn sie bei ihrer digitalen Lesung auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen nicht von Berlin, sondern von Polen aus zugeschaltet worden wäre. Jede Menge Verbindungsaussetzer wären so Autorin und Publikum erspart geblieben.

Doch auch so gelang es der stellvertretenden Chefredakteurin des »Zeit«-Magazins, mit drei Kapiteln aus ihrem Buch »Rückkehr nach Polen« und mit ihren Antworten auf die von Moderatorin Prof. Joanna Rostek formulierten Fragen zu fesseln. Smechowski hat jenes Land, das sie als Fünfjährige mit Eltern und Schwester verlassen musste, ab März 2018 knapp ein Jahr lang neu entdeckt. Gemeinsam mit ihrer Tochter hat sie die »Expedition in mein Heimatland« - so der Untertitel des Buches - gewagt. Drei von ihr bei der Lesung vorgetragene Kapitel machten deutlich, dass diese Reise in ein »zutiefst gespaltenes Land« führte.

Von »Hungrigen« und Frustrierten

Sie habe lange mit ihrer Heimat gehadert, habe wie wohl alle Migranten ein Gefühl von Distanz, Nähe und Sehnsucht gleichermaßen gefühlt, berichtet die Autorin und kommt zu dem Schluss: »Das Land meiner Sommerferien gibt es nicht mehr.«

Die europakritische, erzkonservative PiS-Partei hat 30 Jahre nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages das Land fest im Griff. In großen Städten wie Danzig seien die Menschen »hungrig« nach allem Neuen, berichtet Smechowski. Auf dem Land haderten sie mit dem Gefühl des Abgehängtseins und schielten, obwohl Polen mit Straßen »bezahlt aus Mitteln der Europäischen Union« gepflastert sei und niemand einen »Polexit« wolle, auf das Lohnniveau im Westen Europas..

Auf welcher Seite man politisch stehe, werde in den Gesprächen der Menschen gleich abgecheckt, erzählt Smechowski. Sie schildert den ersten Tag ihrer Tochter in der polnischen Kita, der kaum weiter weg sein könnte vom überbehüteten Stil in Berlin. Sie beschreibt ihren Besuch bei einem Milchbauern und seiner Familie in einem Ort, in dem 85 Prozent der Bewohner PiS wählen, und verdeutlicht, wie sehr diese Menschen nur mit dem Nötigsten auskommen müssen. Und sie lässt das Lebensgefühl der Polen, wie es sich bei einer Zugfahrt von Berlin nach Danzig zeigt, Revue passieren und beschreibt den pikierten Blick der Mitfahrer, als sie als Deutsche zu erkennen ist.

»Ich bin nicht die Instanz, die den Deutschen die Polen erklärt«, betont Smechowski. Ihr Blick sei ein ganz persönlicher: als Emigrantin, Mutter und Frau, aber auch als »Insiderin und Außenseiterin« in beiden Kulturen. Doch das Bild, das in Deutschland von Polen bestehe, und sich in den letzten Jahren vom Image der »Freiheitshelden Europas« hin zu »im besten Fall Desinteresse, im schlechtesten Verachtung« verändert habe, sei nicht vollständig. Der Wille, die Wahrheit zu erkunden, habe sie zu ihrer Reise motiviert. Aber das Ergebnis habe sie »ein bisschen ernüchtert«. Das Bild von der zerrissenen, gespaltenen Gesellschaft stimme in Polen wie in kaum einem anderen Land. »Es gibt das Polen A und das Polen B - und mir ist es wichtig, auch die andere Seite zu zeigen, das Polen B.« Sie sei aber auch überrascht gewesen, wie offen und »hungrig« die Polen sind, antwortet die Autorin auf eine Frage aus dem Plenum, verhehlt jedoch nicht, dass sie die »Expedition in ihre Heimat« und deren »nicht leichte Gemengelage« auch desillusioniert hat.

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