Gericht

Erinnerungslücken erschweren Prozess

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Das Gießener Amtsgericht verhandelt einen Raub an der Lahnbrücke in der Rodheimer Straße. Allerdings können die Opfer ihre früheren Aussagen bei der Polizei nicht bestätigen.

Gießen (se). Dass Zeugenaussagen bei der Polizei und später vor Gericht nicht immer deckungsgleich sind, ist erfahrenen Juristen klar. Oft unterscheidet sich die Erinnerung eines Zeugen kurz nach der Tat und Monate später im Prozess. In dem am Dienstag eröffneten Prozess am Amtsgericht, in dem der Raub von 210 Euro aus zwei Handtaschen verhandelt wird, ist das auch so.

Laut der polizeilichen Ermittlungen hatten die beiden Iranerinnen, denen am 21. November letzten Jahres gegen 20 Uhr das Geld unterhalb der Lahnbrücke an der Rodheimer Straße geraubt worden war, einen der mutmaßlichen Täter wenige Stunden später in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der Rödgener Straße wiedererkannt. So steht es auch in der Anklage. Die Security hatte den Mann dingfest gemacht, der dann später von der Polizei abgeholt wurde und sich seitdem in Untersuchungshaft befindet.

Nach Angaben der beiden Opfer am Tattag spielte der knapp 30-jährige Marokkaner bei dem Raub eine entscheidende Rolle. Er soll die Hände der beiden Frauen festgehalten haben, sodass ein zweiter Mann Geld aus deren Handtaschen entwenden konnte. Ein dritter, offensichtlich zur Gruppe gehörender Mann leistete wohl keinen unmittelbaren Beitrag.

Allerdings: Bei der gestrigen Verhandlung unter dem Vorsitz von Richterin Sonja Robe konnten beide Zeuginnen ihre Aussagen vor der Polizei nicht bestätigen. Beide sprachen Farsi, sodass ein Dolmetscher ihre Angaben übersetzen musste. "Er war auch da", sagte eine der beiden Zeuginnen über den Angeklagten, wusste aber nicht mehr, welche Rolle er bei dem Raub gespielt hatte. "An die anderen kann ich mich nicht erinnern." Bei dieser Zeugin schien der Aufklärungseifer nicht sonderlich ausgeprägt zu sein, vielmehr hatte sie ein vitales Interesse daran, die von der Polizei beschlagnahmten Dinge zurückzuerhalten.

Angeklagter sitzt in U-Haft

Die andere Zeugin startete in ihrer Aussage vielversprechend: "Er war dabei", ließ sie den Dolmetscher erklären. Doch damit war die Verwertbarkeit ihrer Angaben ausgeschöpft. Richterin, Staatsanwalt und auch der Verteidiger redeten mit Engelszungen auf die Zeugin ein: "Was hat er gemacht? Hat er das Geld entwendet, oder hat er die beiden Frauen festgehalten?" "Was er gemacht hat, weiß ich nicht, ich kann mich nicht erinnern", ließ sie den Dolmetscher mitteilen.

Die vorgeladenen Polizisten konnten die protokollierten Aussagen der Iranerinnen nur bestätigen, doch auch sie mussten feststellen, dass eine der Zeuginnen bereits kurz nach der Tat ihre Aussage mehrfach korrigierte, was ihre Glaubwürdigkeit möglicherweise nachhaltig schädigen könnte.

Was er am Abend des 22. November 2018 gemacht hatte, schilderte zu Beginn der Verhandlung über seinen Dolmetscher der Angeklagte, der erst einen Monat zuvor nach Deutschland gekommen war: Er hatte an jenem Abend in Begleitung von zwei weiteren Marokkanern einen Ausflug in die Gießener Innenstadt unternommen, dabei dem Bahnhof sowie der Galerie am Neustädter Tor einen Besuch abgestattet und auf dem Weg zurück zur HEAE noch in einem Supermarkt in der Grünberger Straße eingekauft. Für das bei ihm gefundene Bargeld hatte er eine plausible Erklärung.

Fortgesetzt werden soll der Prozess am 22. Mai. Obwohl die Beweislast später nicht ganz so erdrückend war wie zu Prozessbeginn, wurde der Haftbefehl nicht ausgesetzt. Ursprünglich sollte auf der Anklagebank noch eine zweite Person Platz nehmen, ein junger Algerier. Da aber dessen derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt ist, wurde das Verfahren gegen ihn abgetrennt.

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