Erinnerung an die Malerin Renate Schüler-Lamert

Die Künstlerin verstarb 2006. Zwei Bilder von ihr sind in der aktuellen Ausstellung "Heimspiel" ihrer Kinder Jan und Saskia Schüler in der Kunsthalle zu sehen.

Die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Gießen präsentiert eine Werkauswahl der Geschwister Jan und Saskia Schüler, die in Gießen geboren und aufgewachsen sind. "Heimspiel" bedeutet: Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit und Jugend, was mittlerweile von Wehmut geprägt ist. Die Freunde der Schulzeit leben andernorts, berichteten sie bei der Eröffnung im Mai. 2005 war mit dem Verkauf von Buchladen und Elternhaus ihre letzte Basis in Gießen verschwunden. Beide haben in ihrer unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweise großformatige Porträts der Eltern gefertigt, die aktuell in der Kunsthalle zu sehen sind. Im Eingangsbereich hängen außerdem zwei Gemälde, die von ihrer Mutter stammen.

Renate Schüler-Lamert (1939 – 2006) war vor allem um 1980 herum als Malerin in Gießen präsent. Als Mitglied im Oberhessischen Künstlerbund (OKB), im Wetzlarer Kunstverein und in der Gruppe Cumulus war sie regelmäßig an deren Ausstellungen beteiligt. Ihre letzte Ausstellung hatte sie 1999 in der Galerie Dietgard Wosimsky, gemeinsam mit Hella Nohl und Gisela Denninghoff sowie dem aus Gießen stammenden Gisbert Pupp. Die erste Krebsbehandlung hatte ihre Spuren hinterlassen, doch war sie wieder frohen Mutes. Auch in ihrem Privatleben hatte sie einen Neuanfang gewagt.

Zwei Jahre zuvor berichtete die AZ über einen Atelierbesuch bei Schüler-Lamert im Rahmen einer Serie über OKB-Künstler. Damals erzählte sie, warum sie in den 90er Jahren kaum noch an Ausstellungen beteiligt war: Ihr Beruf als Lehrerin kostete zu viel Zeit und Kraft, zudem hatte eine unentdeckt gebliebene Krankheit sie ausgebremst. Sie hoffte auf die Zeit ihrer Pensionierung, um ihre "im Überfluss vorhandenen Ideen" endlich umsetzen zu können. Doch dazu kam es nicht mehr, Renate Schüler-Lamert starb am 2. Januar 2006 in einem Dortmunder Hospiz. Ihre Schwestern hatten die Pflegebedürftige im Jahr zuvor geholt, wie man auf der von Jan Schüler eingerichteten Homepage nachlesen kann.

"Als Kind wollte ich selbstverständlich Künstlerin werden. Mein Vater, der Kunsterzieher war, hat mich zu allen Ausstellungen mitgenommen, hat mir viele Künstler und die Vorliebe für die Malerei nahegebracht." Dies sagte sie in einem Gespräch mit Helga Kämpf-Jansen (gestorben 2011), ebenfalls Künstlerin und Kunstpädagogin in Gießen, das in "Kunst + Unterricht" (Nr. 120/1988) veröffentlicht wurde.

Renate Lamert wurde 1939 in der Oberlausitz geboren, die Eltern flüchteten mit ihren beiden Kindern kriegsbedingt 1945 nach Süddeutschland, wo die dritte Tochter geboren wurde. Ab 1948 lebte die Familie in Dortmund. Renate Lamert verliebte sich in Peter Sorge, der später als Maler und Grafiker ein Hauptvertreter des Kritischen Realismus in West-Berlin wurde. Nach dem Abitur gingen sie 1959 gemeinsam nach Berlin, wollten an der Hochschule für Bildende Künste studieren. Doch da sie die Aufnahmeprüfung an der HdK nicht bestand, wechselte sie zum Studium nach Mainz.

Dort lernte sie den Gießener Buchhändler Gideon Schüler (geb. 1925) kennen. Die beiden heirateten, sie brach ihr Studium ab und widmete sich der Kindererziehung (Jan wurde 1963, Saskia 1964 geboren). 1960 hatte Gideon Schüler die Ricker’sche Universitätsbuchhandlung am Ludwigsplatz übernommen, später kam die Edition Literarischer Salon dazu. Von 1969 bis 1974 führte er außerdem die "Galerie im Hof" in der Grünberger Straße. Dort wurden Werke regionaler und überregionaler Künstler gezeigt: Ernst Fuchs, Klaus Staeck, Alfred Hrdlicka, auch Peter Sorge und seine neue Gefährtin Maina-Miriam Munsky waren dort Gäste.

30-jährig zog Renate Schüler-Lamert eine Lebensbilanz, wie sie erzählte, und nahm 1972 ihr Studium an der Universität Gießen wieder auf. 1975 trat sie in den Schuldienst ein, unterrichtete Kunst und Deutsch am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Alsfeld.

An der Uni hatte sie die Kunst-Trends der 60er und 70er Jahre kennengelernt, wurde mitgerissen von der allgemeinen Aufbruchstimmung, wozu auch die Frauenbewegung gehörte, wie sie in dem Gespräch mit Kämpf-Jansen sagte. Ihre malerisch produktivste Phase war Ende der 1970er Jahre als US-Pop-Art und Fotorealismus in Deutschland populär wurden. Dazu gesellte sich bei ihr eine starke Symbolsprache, die ihre Bilder zu verschlüsselten Geschichten machen. Märchen und Traumsequenzen sind zu finden, aber auch Elemente des Alltags und Gesellschaftskritik. Beim Atelierbesuch 1997 fielen vor allem die vielen Gemälde mit Kindern und jungen Frauen auf. Die Kinder schauten traurig, und die jungen Frauen wirkten beziehungslos.

Ihr Leben war nicht leicht, vor allem zum Ende hin. Doch hat sie ihren Kindern "die Begabung und die Liebe für die Malerei" vererbt, wie sie selbst noch konstatierte. Und die halten das Erbe ihrer Mutter hoch, über die Website und indem sie ihre beiden Gemälde "Windrad" und "Micky Maus" – neben Artikeln und Katalogen – in der Ausstellung in der Kunsthalle Gießen zeigen. Noch zu sehen bis 26. August. Dagmar Klein

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