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Yassine Tamir ist seit Januar 2020 Mitglied in der AfD.

Er passt in keine Schublade

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Gießen (khn). Wer sich mit Yassine Tamir unterhält, erlebt einen eloquenten jungen Mann. Er präsentiert sich als undogmatisch und aufgeschlossen. Während des Gesprächs bei einem Spaziergang im Stadtpark Wieseckaue wirkt er kontrolliert und wachsam - vielleicht, weil er weiß, dass seine Kandidatur für die AfD Fragen aufwirft.

Ein sonniger Nachmittag in Gießen; es ist knackig kalt. Tamir kommt mit aufrechtem Gang zur aktuell geschlossenen Strandbar gelaufen. Er hat sich dick eingepackt, trägt Handschuhe und Schal. Nach wenigen Minuten bietet er ein Videointerview am Abend an, sollte der Reporter - ohne Handschuhe - bei der Kälte nicht lange mitschreiben können. Am Ende wird es ein einstündiges Gespräch, bei dem klar wird: Dieser Mann passt in keine Schublade.

Tamirs Vater kommt aus Marokko, seine Mutter aus Frankreich. Sie sind zum Studieren nach Deutschland gekommen - und geblieben. Tamir ist in Gießen geboren, macht hier sein Fachabitur und beginnt, an der Justus-Liebig-Universität Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Politik und Wirtschaft, sagt er, hätten ihn schon immer interessiert. Seine Hobbys: Am Auto schrauben und Sport machen. Während des Studiums lernt er seine heutige Ehefrau kennen; vor zwei Jahren werden sie Eltern. Tamir legt das Studium auf Eis und beginnt eine Lehre als Bankkaufmann.

Nach dem Fachabi leistet er seinen Bundesfreiwilligendienst in der Flüchtlingshilfe. Er trifft engagierte Menschen, die auch bei widrigen Umständen Deutschkurse besucht hätten. »Das ist Integration«, sagt er. Aber da habe es eben auch andere gegeben »Kriminelle«, sagt er nur. Als er den Leiter der Einrichtung auf die Probleme angesprochen habe, sei er gegen eine Wand gelaufen. »Das hat mich geärgert.«

Tamir tritt in die heimische Junge Union ein, die CDU-Nachwuchsorganisation. Dort nimmt er an einigen Besichtigungen von Unternehmen teil. »Aber richtig mitarbeiten konnte ich nicht«, sagt der 23-Jährige. Er habe sich dann die Programme anderer Parteien angesehen, »die meinen konservativen Ansichten entsprechen: CDU, FDP und AfD«.

Er führt mehrere Gespräche, doch eine vierstündige Unterhaltung mit Arno Enners von der Stadt-AfD habe ihn überzeugt. Im Januar 2020 tritt er in die Partei ein. »Ich habe mich sofort gut aufgenommen gefühlt«, sagt er, »bei den Parteistammtischen ist es wie in einer Familie.«

Auch politisch sei er gleich eingebunden worden: Beim Thema Verkehr habe er seine Ideen eingebracht. »Es ist nicht realistisch, alle Verkehrsmittel zu kombinieren«, sagt Tamir. Warum müsse auf einer Straße Platz für alle sein, wenn es andere Lösungen gebe? Auch dürfe die wirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt nicht unter der Verkehrsfrage leiden.

Tamir hat sich bewusst für die AfD entschieden. Eine Partei, die in der Kritik steht, als rechtspopulistisch und in Teilen rechtsextrem bezeichnet wird. Seit dem Jahre 2019 wird die AfD vom Verfassungsschutz überprüft. Oftmals werden ihre Abgeordneten gemieden, ihre Anträge von vornherein abgelehnt.

»Persönlich finde ich den Umgang der anderen Parteien mit der AfD schade«, sagt Tamir. »Wer gute Ideen hat, sollte nicht ignoriert werden.« Gerade im Kommunalen gebe es gemeinsame Schnittmengen. »Es ist besser, erst miteinander zu reden, als sofort andere auszuschließen.«

Spricht man ihn auf den Grenzen überschreitenden Diskurs von Teilen der Partei an, sagt Tamir: »Man sollte nicht mit Lautstärke, sondern mit Inhalten punkten.« Die AfD in der Stadt tue dies. Deshalb hoffe er, dass dies die übrigen Parteien im Stadtparlament anerkennen. »Ich sehe auch gute Punkte bei Linken, SPD, Grünen oder CDU«, sagt Tamir. Und ja: Überall gebe es »schwarze Schafe«, auch in der AfD: »Aber die sind in der Minderheit.«

Dass einzelne Freunde ihm sagten, sie wollten wegen seiner AfD-Mitgliedschaft nichts mehr mit ihm zu tun haben, mache ihn traurig, sagt Tamir. Er sei doch das beste Beispiel dafür, dass das Bild einer rechtsextremen, islamfeindlichen Partei nicht stimme. Er habe einen Migrationshintergrund, sei jung - und Moslem. Ihm habe es imponiert, dass ihm bei Parteitreffen die meist älteren AfD-Mitglieder zugehört und ihn akzeptiert hätten. Zum Beispiel sei er nie gedrängt worden, beim Stammtisch Alkohol zu trinken. »Bei anderen Parteien ist das durchaus passiert.«

Dass er aus einer Einwandererfamilie stammt, habe in seinem Leben nie eine Rolle gespielt, erzählt Tamir. Bei seiner Religion sei dies aber anders. Er erinnert sich an eine Situation in der Schule. Thematisiert worden sei ein islamistischer Anschlag - »Möchtegernmuslime«, nennt Tamir die Täter. Schüler hätten gesagt, alle Muslime seien Terroristen. Als er sich dagegen verwahrt habe, habe ihn der Lehrer unterbrochen: »›Nimm deinen Sprengstoffgürtel und spreng dich in einer Moschee in die Luft.‹ Da habe ich gemerkt, dass ich für manche Menschen doch anders bin.« Mit ein wenig Abstand habe er sich aber mit dem Lehrer ausgesprochen.

Der Aufstieg der AfD hängt auch mit der konsequenten Nutzung der sozialen Medien zusammen. Tamir sagt, er habe schon seit längerer Zeit sein Twitter- und sein Facebook-Profil aufgegeben. Da ist sie wieder - die fehlende Schublade für den 23 Jahre alten Gießener.

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