Ihr Balkon mitten in der Innenstadt ist in der Corona-Krise eine Oase für Marianne Christine Dieterich-Greenwood. FOTO: SCHEPP
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Ihr Balkon mitten in der Innenstadt ist in der Corona-Krise eine Oase für Marianne Christine Dieterich-Greenwood. FOTO: SCHEPP

Energiegeladene Frohnatur

  • vonOliver Schepp
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Geboren in England als Jüdin, aufgewachsen in Italien, dort Katholikin geworden, seit 50 Jahren zu Hause in Mittelhessen: Marianne Christine Dieterich-Greenwood hat reiche Erfahrungen gesammelt. Die Biologin und Theologin gibt sie weiter, etwa in selbst komponierten Liedern.

Erst kam der Frieden. Dann kam ich." Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist für Marianne Christine Dieterich-Greenwood aus vielen Gründen bedeutsam. Etwa weil ihre Eltern, Juden aus Wien, die Nazizeit überlebt haben. Oder weil sie das einige Europa geradezu verkörpert. Und nicht zuletzt wegen ihres Geburtsdatums: Sie kam am 12. Mai 1945 zur Welt. "Ich war ein sogenanntes Peace Baby. Allen Kindern, die in der ersten Woche nach Kriegsende geboren wurden, haben die Amerikaner ein Jahr lang Milchpulver und Lebertran gestiftet." Jedenfalls in Großbritannien, wo die Gießenerin zur Welt kam.

Vielleicht liegt es an diesen frühen Extrarationen, dass man sie als energiegeladene Frohnatur kennenlernt - und die bescheidene Körpergröße von 1,48 Metern zunächst kaum wahrnimmt.

In England war die tschechische Freiheitsarmee stationiert, der der Vater - Österreicher tschechischer Herkunft - angehörte. Die Eltern hatten auf der Flucht vor den Nationalsozialisten gelernt, "ohne festen Boden aus Luftwurzeln zu leben", und gaben diese Kunst an die Töchter weiter. "Ich bin mein ganzes Leben lang mehr oder weniger Ausländerin gewesen", sagt Dieterich-Greenwood, die einen britischen und einen deutschen Pass besitzt.

Aufgewachsen ist sie in Italien. Nach sechs Jahren in London zog die Familie 1951 aus beruflichen Gründen nach Mailand. Das vielfältig begabte Mädchen musste zweimal eine Fremdsprache im Eiltempo "nachlernen": Französisch als Elfjährige, als sie ein Jahr im Internat nach England verbrachte. Und schließlich Deutsch, weil sie in Mailand die Deutsche Schule besuchte.

Ihre wichtigste Freizeitbeschäftigung war die Musik. Um die rechte Hand zu stärken, hatte die Linkshänderin mit dem Klavierspiel begonnen. Mindestens ebenso bedeutsam wurden ihre Kontakte zu einer christlichen Jugendgruppe. "Bis zwei, drei Uhr nachts" wurde dort das Zweite Vatikanische Konzil diskutiert, mit dem die katholische Kirche 1962 bis 1965 ihre Modernisierung vorantrieb. Die junge Jüdin trat zum Katholizismus über.

Studiert hat sie Biologie und Theologie. Über die Italien-Zentrale einer deutschen Chemiefirma kam sie 1970 nach Marburg. Hier lernte sie den Lollarer Otto Dieterich kennen. Es folgten Heirat, die Geburt der Tochter und 15 Jahre als Hausfrau und Mutter. Daneben pflegte Dieterich-Greenwood unter anderem ihr Lieblingshobby: "Musik hat mich immer aufrecht gehalten." 30 Jahre lang hat sie Orgel gespielt, Chöre geleitet und über 100 Lieder komponiert. Und sie engagierte sich in der "Ausländerarbeit", zunächst ehrenamtlich, ab 1990 als Angestellte der Stadt Lollar.

1994 ging es beruflich in die weite Welt: Als Projektreferentin für Südostasien beim Komitee "Ärzte für die Dritte Welt", heute "German Doctors", bereiste sie mehrmals Indien und Bangladesch. Ihre letzten vier Berufsjahre verbrachte Dieterich-Greenwood als Gemeindereferentin im Erzbistum Mailand. Stets behielt sie ein Standbein in Gießen, wo sie seit gut 20 Jahren mit ihrem Mann lebt.

Aus gesundheitlichen Gründen früh verrentet, hat sie sich darauf konzentriert, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Vor allem für die Fachzeitschrift "Ideenwerkstatt Gottesdienste" verfasste sie Lieder, Meditationstexte und veröffentlichte eigene Fotos in kreativen Kombinationen mit Bibelworten. Ehrenamtlich ist sie als Seelsorgerin im Seniorenheim tätig, gibt Nachhilfeunterricht und widmet sich Handarbeiten.

Dieterich-Greenwood bezeichnet sich als "chronische Optimistin". Im Dunkel "gibt es immer irgendwo ein Fenster", sagt die gläubige Christin. "Manchmal muss man es selbst putzen oder, wenn man das nicht schafft, sich Hilfe holen, damit man das Licht sehen kann."

Diese Einstellung hilft ihr auch durch die Corona-Krise, die sie als Angehörige der Risikogruppe weitgehend nach Hause verbannt. "Der Lockdown war für viele hart, aber er war die Rettung", sagt die Mikrobiologin. Sie hoffe, "dass wir als Gesellschaft uns die Hilfsbereitschaft bewahren, die in den letzten Wochen sichtbar geworden ist".

Dass die Pandemie die Feier zum 75. Geburtstag verhinderte, tat der Jubilarin vor allem deshalb leid, weil sie die Einladung mit einem Spendenaufruf zugunsten der "German Doctors" verbinden wollte. Der Organisation gelinge es, "mit wenigen Mitteln Großes zu erreichen" und nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, wirbt sie um Unterstützung (Näheres im Internet unter www.german-doctors.de).

Hat sie sonst keine Geburtstagswünsche? Doch: "Dass ich meinen Mann noch lange lieben kann." Und vielleicht wird noch der Traum wahr von einer Schiffsreise auf der schönen Donau.

Der Multikulti-Fluss passt zu der überzeugten Europäerin, die die aktuelle Entwicklung der EU mit Sorge sieht. "Nationalismus scheint eine Krankheit zu sein, die leider sehr schwer auszurotten ist." Aus eigener Erfahrung hat sie die Überzeugung gewonnen: "Ich finde Vermischung gesund."

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