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Friedhelm Kerl - hier mit einem Lastenrad der Initiative ALLrad - möchte auch Menschen mit Handicap das Radeln ermöglichen. FOTO: SCHEPP

Mensch Gießen

Ein empathischer Kerl: Friedhelm Kerl

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Wenn er gebraucht wird, ist er da. Das war schon immer so: Für den 65-jährigen Gießener Friedhelm Kerl ist Gemeinsinn ein zentraler Begriff im Leben. Ein Porträt.

Einen Ausflug an den Schwanenteich hat die ältere Dame schon lange nicht mehr machen können - und schon gar nicht mit dem Fahrrad. Seit sie nicht mehr gut laufen kann, bleibt sie notgedrungen in der Innenstadt. Für sie ist daher das Projekt "Allmende Lastenrad" ideal. Auf einem Spezial-Tandem erkundete sie kürzlich gemeinsam mit Friedhelm Kerl die Lieblingsplätze von früher. Der 65-Jährige ist einer der Koordinatoren der Initiative ALLrad; sie scheint ihm auf den Leib geschneidert zu sein: Es geht um Ressourcenschonung und ein nachhaltiges Verkehrskonzept, es geht aber auch um Teilhabe. Die Initiatoren wollen Menschen mit Handicap die Nutzung von Fahrrädern ermöglichen: Für Ausflüge, aber auch für alltägliche Dinge wie den Einkauf. Die gemeinsamen Touren, schildert Kerl, sind für alle Beteiligten eine Bereicherung. Die Begegnungen können das Miteinander der Generationen fördern und Menschen einander näher bringen, die sich sonst nie getroffen hätten. Kerl kann sich in seine Passagiere auch deshalb gut hineinversetzen, weil er seit 20 Jahren selbst gehbehindert ist und eine Weile auf das Fahrradfahren verzichten musste. Das ist zum Glück nicht mehr der Fall, und mittlerweile ist das Rad sein einziges Fahrzeug. Das Auto hat er vor einem Jahr abgeschafft. "Ich vermisse es auch nicht, in der Stadt ist das kein Problem".

In seinem früheren Leben sah das anders aus. Die kleine Bilderbuch-Gemeinde Weißenborn im Werra-Meißner-Kreis liegt sehr idyllisch, sie ist aber hinsichtlich der Infrastruktur wie viele andere Dörfer ziemlich "ab vom Schuss". Hier war der Sozialdemokrat acht Jahre lang gewählter, aber ehrenamtlicher Bürgermeister - der letzte seiner Art in Hessen. 2011 hat sich Kerl aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Amt zurückgezogen, er ging für einige Jahre zurück nach Eschwege, wo er als Fachberater im Integrationsdienst tätig war und behinderten Menschen zu einem Job verhalf.

An seine Zeit als Bürgermeister denkt er gerne zurück. Zum einen, weil es für den Pädagogen eine echte Herausforderung war, sich in fremde Fachgebiete einzuarbeiten und in einer Gemeinde gleichzeitig für Finanzen, Soziales, Bauen und vieles anders mehr zuständig zu sein, zum anderen aber auch, weil er Kontakt zu vielen unterschiedlichen Menschen hatte.

Er habe damals verstanden, dass viele Strukturen der "großen Politik" auf lokaler Ebene genauso funktionieren, im guten wie im schlechten: Seilschaften und Intrigantentum ebenso wie positive Effekte durch Kooperation und Fairness. Er habe einiges erreicht und bewegen können in "seinem" Dorf, das erfülle ihn mit Stolz. "Es hat Spaß gemacht, gerade auch wegen der spannenden Begegnungen". Dass es auch Verletzungen und Enttäuschungen gegeben habe, sei bitter, gehöre aber zur Lebensrealität. In das Kapitel Lebensrealität gehört auch das Scheitern seiner Ehe in dieser Zeit. Bereits im Jahr 2000 musste Kerl mit einer Krankheit klarkommen, deren Folgen er noch heute spürt. Wäre der spinale Infarkt, eine seltene Durchblutungsstörung des Rückenmarks, früher erkannt worden, wäre der Krankheitsverlauf wahrscheinlich glimpflicher verlaufen, schildert er.

Zurückgekämpft

Doch Kerl hat sich arrangiert; den Weg zurück aufs Fahrrad hat er sich hart erkämpft. Jeden Tag hat er damals das Rad auf einen unbefahrenen Wirtschaftsweg geschoben und dort trainiert. So lange, bis er wieder in die Pedale treten konnte. Geduld und Beharrlichkeit sind Eigenschaften, die ihm auch in seinen Jobs immer zugute kamen. Stets ging es darum, andere dabei zu unterstützen, in die richtige Lebensspur zu kommen: Kinder und Jugendliche, behinderte Menschen, Flüchtlinge. Den Ursprung hatte das Kümmern bereits im Elternhaus. Die drei Jahre ältere Schwester Gabi, die im Alter von 19 Jahren starb, war schwerstbehindert und wurde zu Hause versorgt. Für die ganze Familie und insbesondere die Mutter bedeutete dies eine große Anstrengung rund um die Uhr, doch niemand in der Familie wäre je auf die Idee gekommen, sie in einer Einrichtung unterzubringen. Schon früh war dem jungen Friedhelm klar, dass seine Schwester noch eine Generation zuvor von den Nationalsozialisten umgebracht worden wäre. "Sie wäre dem Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen", sagt er.

Auch dieses Bewusstsein trug dazu bei, Kerls Haltung zu festigen: Menschen bedürfen der Fürsorge und des Schutzes anderer, egal, ob sie behindert sind, welcher Herkunft sie sind oder welchem Glauben sie angehören. Seine Heimatregion war erzkatholisch. Von der Enge, den Zwängen und der Scheinheiligkeit, die in den 50er und 60er Jahren die Religion begleitet haben, hat sich Kerl schon als junger Erwachsener weit entfernt. "Ich bin gläubig, aber ich habe ein sehr distanziertes Verhältnis zur Kirche".

Kerl studierte Pädagogik in Hildesheim und Oldenburg. Nachdem er sich durch die Schulzeit gequält hatte, merkte er bald, dass dies der richtige Weg für ihn war - seine Lebensspur. Er hatte einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen, ihm gelang die Balance, einerseits vertrauter Ansprechpartner und andererseits Respektperson zu sein. Am Anfang seiner Berufsjahre baute er mit einem Freund und Kollegen ein Jugendzentrum auf, später war er lange Zeit Jugendpfleger in der Nähe von Göttingen. In beiden Fällen betrat er in seinen Wohnorten Neuland, das gefiel ihm. "Wir konnten gestalten, neue Wege gehen, das war reizvoll", erinnert er sich.

Vor fünf Jahren entschied er sich noch einmal für neue Wege. Er zog nach Gießen, weil ihn das Mehrgenerationen-Wohnprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Bergkaserne lockte. Er schätzt die Gemeinschaft und freut sich darüber, dass er mit einigen Nachbarn Freundschaft geschlossen hat, unter anderem mit einer syrischen Familie, die mit ihren vier Kindern im Haus wohnt. Er hilft dem Ehepaar bei bürokratischen Hürden und beobachtet mit großem Interesse, ob und wie die Kinder im zuvor fremden Land Wurzeln schlagen.

Und wie ist das bei ihm selbst? Ist er in der neuen Heimat richtig angekommen? "Mein Zuhause ist da, wo ich meine Energie hineinstecke", sagt er. Er habe sich Gießen "erarbeiten" müssen, doch das sei gut gelungen. Kerl arbeitet stundenweise im Caritashaus Maria Frieden und engagiert sich im Hospizverein. Einmal in der Woche geht er ins "Hospiz-Café" der Palliativstation des Hans-Rettig-Hauses auf dem Gelände des Klinikums. Er bietet Kaffee, Kuchen und Gespräche an. "Ich bin ein guter Zuhörer", sagt er. Kerl weiß, wie wohltuend es sein kann, zu erzählen. Von Kummer und Leid, aber vielleicht auch von etwas ganz anderem. Er und seine Kollegen drängen sich nicht auf, aber sie sind da.

Kürzlich ist der empathische Kümmerer selbst erkrankt, er musste für ein paar Tage in die Klinik und sich danach zu Hause schonen. Funktionierte das mit dem Kümmern auch umgekehrt? "Ja". Kerl strahlt. Freunde aus der neuen und der alten Heimat zögerten nicht lange. Sie riefen an, leisteten ihm Gesellschaft, kauften ein. Wenn sie gebraucht werden, sind sie da.

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