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Emotionale Gräben

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Von: Barbara Czernek

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Der Autor Dimitrij Kapitelman mit der Moderatorin Tessa Schäfer bei der Vorstellung des Romans »Ein Formalie in Kiew« im Literarischen Zentrum. © Barbara Czernek

25 Jahre in Deutschland leben, manchmal deutscher sein als die hier Geborenen und doch nicht ganz dazugehören, denn man hat keinen deutschen Pass: So wie Dimitrij geht es vielen Nicht-Deutschen, die hier längst sozialisiert sind.

Aus einer Laune heraus beschließt der in Russland geborene, aber in Deutschland lebende Dimitrij, einen deutschen Pass zu beantragen, und begibt sich in die Mühlen der deutschen Bürokratie. Schließlich fehlt ihm nur noch ein Dokument: Eine Apostille seiner Geburtsurkunde kann er nur in seiner Geburtsstadt Kiew erhalten, mit der ihn sonst nicht mehr viel verbindet. Was sich daraus entwickelt, das beschreibt Dimitrij Kapitelman in seinem jüngsten Roman »Eine Formalie in Kiew«, den er am Donnerstagabend im Literarischen Zentrum vorstellte.

Die Moderatorin Tessa Schäfer bezeichnet sein jüngstes Werk als einen autofiktionalen Roman, denn der in Kiew geborene Journalist bleibt in seiner Erzählung sehr nahe an seinen eigenen Erlebnissen rund um seine Bemühungen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Doch dieses Geschehen um den deutschen Pass ist nur der erste Teil der Geschichte, denn just in dem Moment, als er das ersehnte Dokument in Händen hält, kommt sein Vater nach Kiew und muss dort ins Krankenhaus. Auf einmal muss sich Dimitrij einer ganz anderen Realität stellen: Er muss Verantwortung für seinen Vater übernehmen und plötzlich sind die Rollen vertauscht: Das Kind hat für seinen Vater Sorge zu tragen, und das in einer fremden Umgebung und einer Sprache, die nicht wirklich die seine ist.

Daraus könnte eine traurige und deprimierende Geschichte entstehen, nicht aber bei Kapitelman: Mit sprachlicher Leichtigkeit und einem positiven Unterton erzählt er die vielen Unwegsamkeiten, die ihn und seine Familie ereilen.

»Ich bin in erster Linie ein Erzähler«, sagte der Journalist über sich. Wurde er in Deutschland von den Behörden als Ausländer betrachtet, so wurde er in der Ukraine wie selbstverständlich als Deutscher gesehen. Diesen Zwiespalt zeigt er durch seine charmanten und ironischen Situationsbeschreibungen. Jeder, der einmal nach langer Zeit in seine verlassene Heimat oder in seine Geburtsstadt zurückkehrt, kennt das Gefühl der vertrauten Fremdheit.

Die Reise, die als ein Trip in die Vergangenheit begann, entpuppte sich für Dimitrij als etwas weitaus größeres: Sie hat bei ihm viele emotionale Gräben geschlossen zwischen dem Kiew seiner Kindheit und der realen Stadt von heute. »Ich habe jetzt ein ruhiges, sehnsüchtiges Gefühl, wenn ich an die Stadt denke.« Im Übrigen hat er mittlerweile den deutschen Pass erhalten, wie er im Laufe des Abends mitteilte.

Ob er noch ein weiteres Buch über seine Familie schreiben werde, diese Frage der Moderatorin konnte er nicht beantworten. »Aktuell schreibe ich Texte, in denen ich mich viel mehr traue und in denen ich meinen Leser sehr offen und sehr ehrlich ins Gesicht lüge. Das macht wahnsinnigen Spaß. Deswegen glaube ich, dass das nächste Buch so ein magisch-verlogener Realismus wird.« Man darf gespannt sein.

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