"Eltern müssen Medienkonsum der Kinder kontrollieren"

  • schließen

Gießen(lkl). "Hilfe, mein Smartphone hört nicht auf zu schreien" lautete der Titel eines Vortrags des Jugendschutzbeauftragten des Landkreises Gießen, Thomas Graf, der von dem Verein "Eltern helfen Eltern" organisiert worden war.

Dabei sprach Graf zunächst darüber, dass es absolut unzulässig ist, wenn Fotos von Kindern im Internet gepostet werden, ohne dass die Zustimmung der Fotografierten eingeholt wurde. "Kinder haben früh ein Ehrempfinden und können beurteilen, welche Bilder sie in Ordnung finden und welche nicht", erläuterte Graf. Fotos von Kindern unter zwei oder drei Jahren, die ihre Zustimmung noch nicht erteilen können, hätten nichts im Internet verloren. Gleiches gelte für freizügige Bilder, die in die Hände von Pädophilen fallen könnten oder Fotos, die später als Material für Cyber-Mobbing geeignet sein könnten.

Explizit wies Graf darauf hin, dass nicht nur die Veröffentlichung auf Plattformen wie Facebook oder Instagram diesen Richtlinien unterliege, sondern auch das Versenden von Bildern über Messenger-Dienste und Programme, bei denen keine Datensicherheit gewährt ist, wie etwa Dropbox (im kostenlosen Bereich und ohne passwortgeschützen Link) oder WhatsApp. Letztgenanntes Programm bezeichnete er als "datenschutzrechtliche Katastrophe", da die Bilder auf Facebook-Servern landeten. Das Machen von Bildern sei kein Problem, erläuterte Graf, aber das Verbreiten schon. Dazu zähle bereits das Versenden von Bildern an die Oma, die diese möglicherweise weiterzeige.

Ein zentrales Thema des Vortrags waren zudem die Strategien, mit denen App-Entwickler erreichen, dass Nutzer "an einer App kleben bleiben" (Stickness), sich mit den Inhalten auseinandersetzen und antizipieren (User Engagement) und die App möglichst kontinuierlich aufmachen (Retention). Dabei zeigte Graf auf, wie sich App-Entwickler etwa bei dem Pull-to-refresh-Mechanismus (runterziehen zum Aktualisieren einer App) an den Mechanismen der Glücksspielindustrie orientiert haben, und sprach über die Verführungskraft des Like-Buttons für den Menschen als soziales Wesen. Dass es auf sozialen Plattformen beim Scrollen kein Ende mehr gibt (Infinite Scroll), Inhalte automatisch abgespielt werden (Autoplay) und Apps mit verschiedenen Modellen versuchen, die Leute zunächst kostenfrei anzufixen (Free too P(l)ay) nannte er als Beispiele für diese Strategien.

"Eltern müssen sich bewusst werden, dass da eine Industrie ist, die permanent um ihre Aufmerksamkeit buhlt", meinte Graf und betonte, dass es für Kinder schwer sei, einzuschätzen oder zu verstehen, wieso sie keine Aufmerksamkeit bekommen, wenn die Eltern mit dem Smartphone beschäftigt sind. Die Folge sei oftmals Weinen sowie Schreien - und zum Teil entstehe Hyperaktivität oder das Kind beginne sich zurückzuziehen.

Von Kindern keine Vernunft erwarten

Angesichts der aufwändig entwickelten Strategien der App-Entwickler, denen selbst Erwachsene oft nur schwer widerstehen könnten, könne von Kindern keine Vernunft erwartet werden. "Der Stirnlappen im Frontalhirn, der dafür zuständig ist, ist der letzte Teil des Gehirns, der sich entwickelt", betonte er. "Es ist Rolle, Aufgabe und Verantwortung der Eltern, den Medienkonsum der Kinder zu kontrollieren und zu beschränken."

Für Kinder unter drei Jahren empfahl er eine maximale Mediennutzungszeit von 10 bis 20 Minuten täglich - und zwar begleitet und mit kindgerechten Inhalten. "Kleinkindern ein Tablet in die Hand zu drücken halte ich für absolut verantwortungslos", betonte er.

Im Alter von drei bis sechs Jahren sollten sich Kinder höchstens 30 Minuten mit digitalen Medien beschäftigen, etwa mit leichten Spielen, gerne kreativer Art. Zwischen sechs und zwölf Jahren könne die Mediennutzungszeit auf eine Stunde erweitert werden. Spätestens mit dem ersten eigenen Smartphone werde es dann jedoch schwierig. Gespräche und Absprachen seien wichtig. Zudem gehe es nun darum, medienfreie Zeiten festzulegen - etwa die Schlafzeiten, die Schulzeiten, die Essenszeiten und Familienzeiten - an die sich auch die Eltern halten müssten. FOTO: LKL

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare