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Kein Ort zum Verweilen… im Winter erst recht nicht.

10 Minuten Gießen

Eisiger Wind und Tristesse auf dem Elefantenklo

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In unserer serie "10 Minuten Gießen" haben wir uns zehn Minuten auf dem Elefantenklo aufgehalten. Angenehm und schön war dies nicht.

Schnell weg hier. Ein eiskalter Wind fegt durch die Stadt. Wer das E-Klo überqueren muss, sieht zu, dass er bald wieder eine Etage tiefer unterwegs ist, denn oben zieht es noch heftiger als unten. Das berühmteste Plateau der Stadt liegt verwaist da. Das war offenbar in den vergangenen Tagen nicht so, denn rund um die Pflanzkübel liegt Müll. Zwischen Gräsern, Astern und Zierkohl liegen Orangenschnitze und Plastikbecher, sie sind der hässliche Rest einer Cocktailstunde. Bierdosen und eine leere Wodkaflasche kullern über den Boden. Zigarettenkippen machen den traurigen Anblick komplett. In den Ahornbäumen Richtung Südanlage hat sich ein bunter Plastikfolienluftballon verfangen, dem längst die Luft ausgegangen ist. Alles ganz schön trist hier.

Auf der Freifläche neben Karstadt wird bereits an den Weihnachtsmarktbuden gewerkelt. Die ersten Elche grüßen von den Holzdächern. Im Seltersweg hängen die ersten Lichterketten. Auf dem Betonkunstwerk aus den 60er Jahren herrscht Leere, darunter ist es voll und laut - wie fast immer. Ein Laster mit Bauschutt quält sich durch die Innenstadt, die Besatzung eines Rettungswagens stellt das Blaulicht an und gibt Gas. Sonst: Autoschlangen. Bei jeder Grünphase geht es ein Stück nach vorn, dann wieder Stillstand. Nur wenige Radler sind bei diesem Wetter unterwegs, vermummt und den Blick gesenkt.

Ein alter Mann mit Gehstock kommt aus Richtung Ärztehaus in der Frankfurter Straße 1, er steuert die Rolltreppe vor dem Schuhhaus Darré an. Er ist ein bisschen unsicher auf den Beinen, vor dem ersten Schritt auf das Band zögert er. Er will sich festhalten, doch das ist wegen den Stocks schwierig. Er gibt sich einen Ruck, macht einen gewagten Satz nach vorn und steht zum Glück einen Moment später mit beiden Beinen auf der Rolltreppe. Von unten naht eine lärmende Schulklasse. "Oh mein Gott, sind die langsam", ruft ein Junge und meint seine Mitschüler, die nicht wie er die Treppe rennend nehmen, sondern langsam schlurfen, weil sie ihre Augen auf ihre Smartphones gerichtet haben. Die Gruppe überquert das Elefantenklo, die Lehrerin geht vorne und dreht sich immer wieder um und schaut, ob ihre Schäfchen folgen. Alle sind schwer mit sich beschäftigt. Niemand hat einen Blick für bunte Astern und lila Kohlköpfe. Die Pflanzen haben einen schweren Job. Sie sollen mitten im November dem allgegenwärtigen elefantengrau eine heitere Note geben. Unmöglich. Schon gar nicht zwischen Plastikbechern und Orangenschalen. (cg)

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