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Wo jetzt noch Bienen fliegen, sollen bald Garnelen schwimmen. Laut Prof. Andreas Vilcinskas sind die Pläne für das Projekt weit fortgeschritten.

Innovationst´zentrum

Einzigartiges Projekt: In Gießen soll Insekten- und Garnelenzucht entstehen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Eine Garnelenzucht in Gießen? Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau einer nachhaltigen Anlage begonnen werden. Ein Investor steht bereit; die Wissenschaft begleitet das Vorhaben.

Mit einer Produktion von rund 300 000 Tonnen ist Thailand der größte Produzent der schwarzen Tigergarnele, dicht gefolgt von China und Indonesien. Für das dortige Ökosystem sind die Zuchtanlagen jedoch eine Katastrophe. Mangrovenwälder werden zerstört, die Meere verschmutzt. Und dann wären da noch die Unmengen an Antibiotika und Wachstumshormone, die den Garnelen verabreicht werden. »Greenpeace hat die Tigergarnele nicht umsonst schon vor zehn Jahren offiziell gebannt«, sagt Prof. Andreas Vilcinskas. Der Institutsleiter für Bioressourcen am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME im Ohlebergsweg hat aber schon eine alternative und umweltverträgliche Zuchtmethode in petto. Und das in Gießen. »Ein Investor ist bereit, auf dem Nachbargrundstück unseres Instituts ein Innovationszentrum für Aquaponik und industrielle Insektenzucht zu bauen und im industriellen Maßstab Garnelen zu züchten.« Eine Fläche habe sich der Investor bereits gesichert, an weiteren bestehe Interesse. Laut Vilcinskas entstehen mindestens 40 bis 50 Arbeitsplätze, die Gründung einer diesbezüglichen Firma stehe kurz bevor. Noch dieses Jahr soll mit dem Bau begonnen werden.

Projekt in Gießen: Insektenproteine als Basis für Lebensmittel

Vilcinskas ist auch Sprecher des LOEWE-Zentrums für Insektenbiotechnologie und Bioressourcen, das vom Land Hessen seit 2014 gefördert wird und mit dem Gießen zu einem Leuchtturm für die Gelbe Biotechnologie wurde. Denn vor allem mit Blick auf die Ernährung sind Würmer und Co. von besonderem Wert.

Mit der größte Schaden an der Umwelt entsteht durch Fleischkonsum. Insektenproteine seien hingegen viel gesünder, sagt Vilcinskas. »Forschungen von Kollege Klaus Eder, Professur für Tierernährung an der Justus-Liebig-Universität, haben zum Beispiel ergeben, dass aus Insekten gewonnene Proteine den Cholesterinspiegel senken.« Dabei gehe es aber nicht darum, die Speisekarte um geröstete Heuschrecken erweitern zu wollen. Vielmehr könnten Insektenproteine als Basis für Lebensmittel genutzt werden. Auf diese Weise hergestellte Burger werden schon jetzt in den Supermärkten angeboten.

Einen größeren Nutzen sieht Vilcinskas jedoch bei der Tierfutterherstellung. Denn um die Unmengen an Schweinen, Rindern und Hühner mästen zu können, ist Soja notwendig. »Um das anbauen zu können, werden immense Flächen des Regenwalds abgeholzt«, sagt der Institutsleiter. Insekten hingegen seien ein viel effizienterer Proteinlieferant. »Außerdem können sie vor Ort produziert werden, sie haben einen minimalen Wasserbedarf und erzeugen keine Treibhausgase.« Dabei hat Vilcinskas auch jene Tiere im Blick, die unter Wasser leben.

Projekt in Gießen: Frauenhofer will Proteinversorgung sichern

Es gibt mehrere Garnelenzuchten in Deutschland, in Bayern zum Beispiel die größte Europas. Der Ansatz, der in Gießen verfolgt wird, ist laut Vilcinskas jedoch weltweit einzigartig. Demnach sollen in der Anlage auch Insekten gezüchtet werden, die den Garnelen als Nahrung dienen. »Die Insekten werden durch industrielle Nebenströme gefüttert«, sagt Vilcinskas. So könnten etwa Reste aus Brauereien oder aus Apfelweinkeltereien eingesetzt werden.

Für den Investor ist der Standort Gießen so interessant, weil die führenden Köpfe der Forschung direkt vor der Tür sitzen. Neben dem Team von Vilcinskas sind auch Prof. Thomas Wilke, Meeresbiologie und Leiter des Instituts für Spezielle Zoologie und Tierökologie, sowie Prof. Holger Zorn, geschäftsführender Direktor des Instituts für Lebensmittelchemie und Lebensmitteltechnologie, an dem Vorhaben beteiligt. Zu den Forschungen gehört auch, die Immunsysteme der Garnelen zu stärken, damit keine Antibiotika eingesetzt werden müssen. Das hat auch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung überzeugt und ein Projekt gefördert, bei dem die Kopplung von Insekten- und Garnelenzucht erforscht wird. Auch die Fraunhofer-Gesellschaft investiert mit einem Leitprojekt in die Entwicklung von innovativen Konzepten, mit denen Proteinversorgung der Menschen nachhaltig gesichert werden kann.

Projekt in Gießen: Insekten als Futter für die Garnelen

Die Branche mit Insekten als Proteinquelle boomt. In Frankreich wurden gerade 300 Millionen Euro in eine Mehlwurm-Fabrik gepumpt. Das Fraunhofer-Institut liefert für solche Projekte wissenschaftliche Technologie. Zum Beispiel Testsysteme, die Inzucht, Krankheiten und Pilzbefall verhindern. Vilcinskas hält aus Insekten gewonnene Proteine für das derzeit »größte Ding« der Nahrungswissenschaften. »Der Bereich boomt weltweit, das ist ein Milliardengeschäft.« Mit dem nachhaltigen Garnelen-Projekt würde Gießen auf dieser Welle ganz vorne mitschwimmen.

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