Die Professorengalerie aus dem 17. Jahrhundert. FOTO: WEGST
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Die Professorengalerie aus dem 17. Jahrhundert. FOTO: WEGST

Einstige Männerdomäne im Porträt

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Wer im 17. Jahrhundert etwas auf sich hielt, trug Halskrause. Auch bekannt unter Kröse, Fraise, Duttenkragen oder Mühlstein. Diese weißen aufgefächerten Modeaccessoires zeugten von der Mitgliedschaft zur gehobenen Gesellschaft. Und Professoren gehörten definitiv in diese Spate. Das wird deutlich, wenn man den Blick durch den Senatssaal der Justus-Liebig-Universität schweifen lässt. Hier ist die historische Professorengalerie aufgehängt. 106 Köpfe, viele Halskrausen - aber keine einzige Frau. Das zeigt: Der Beruf des Universitätsprofessors war lange Zeit eine Männerdomäne. Frauen durften ja nicht einmal studieren.

Heute ist das anders. Rund ein Drittel der Professuren sind in weiblicher Hand. Dazu gehört auch Prof. Dr. Sigrid Ruby, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Kunstgeschichte der JLU. "Die historische Professorengalerie ist nahezu vollständig erhalten und wird heute in dichter Hängung im Senatssaal des Universitätshauptgebäudes an der Ludwigstraße präsentiert", erklärt die Expertin und fügt hinzu, dass die Galerie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt initiiert worden sei, als die Gießener Universität offiziell gar nicht mehr existierte. "Denn infolge des hessischen Erbfolgestreits war das Marburger Land 1623 wieder dem Haus Hessen-Darmstadt zugesprochen worden, sodass es fortan und bis 1649 nur eine ›Samtuniversität‹ der hessischen Fürstentümer gab, nämlich die Marburger Philippina mit dezidiert lutherischer Ausrichtung."

Und was ist mit den Frauen?

Bald nach deren Hundertjahrfeier habe Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt per Erlass vom 10. April 1629 angeordnet, dass Bildnisse aller Professoren angefertigt werden sollen. Laut Ruby wurden die ersten dieser Bildnisse im Marburger Bibliothekssaal präsentiert und gelangten erst nach dem Westfälischen Frieden mit der vertraglich geregelten Teilung der Universitätsgüter in das neuerlich zum Universitätsstandort erhobene Gießen. "Dort wuchs die Professorengalerie von zunächst 23 Bildnissen bis in das ausgehende 18. Jahrhundert auf 108 Einzelporträts an, von denen sich immerhin 106 erhalten haben", erklärt Ruby. Zwei Gemälde hingegen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die ersten Porträtierten hatten übrigens Glück, sie sollten den Lohn des Malers erstattet bekommen. Künftige Professoren mussten hingegen die Hälfte der Kosten selbst tragen. Für Männer mit solch imposanten Halskrausen jedoch kein Problem. Die Hüftbildnisse sind in Öl auf Leinwand gemalt, messen durchschnittlich 75 mal 60 Zentimeter und können sieben lokalen Künstlern zugeschrieben werden.

Dem Erlass des Landgrafen nachkommend, sind die Porträts beschriftet, zumeist rechts des Kopfes, häufig ist auch das Familienwappen integriert. "Das im frühen 17. Jahrhundert in Marburg begonnene, 1650 nach Gießen transferierte und dort bis in das späte 18. Jahrhundert gewachsene Ensemble steht ästhetisch und symbolisch für das korporative Selbstverständnis der Gelehrten als ein - damals natürlich ausschließlich männliches - Kollegium von Gleichgesinnten", betont Ruby - und spricht damit einen Punkt an, der vergangenes Jahr ein großes Thema war an der JLU. Anlässlich der Jubiläumsveranstaltung "100 Jahre Frauenwahlrecht" wurde die Exklusivität der Professorengalerie kritisch hinterfragt. In diesem Zuge wurden auch eigens angefertigte Pastell-Porträts namhafter Wissenschaftlerinnen der Gießener Universität in der Aula aufgehängt - allerdings nur temporär. Eine Aktion, die es verdient hätte, zur Tradition zu werden. Schließlich gab und gibt es an der JLU viele namenhafte Professorinnen. Und die pompösen Halskrausen standen den Damen schon im 17. Jahrhundert besser als den Männern.

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