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Sarah Schneider, Kriminaloberkommissarin beim Polizeipräsidium Mittelhessen, sitzt in einem Büro der »BAO Fokus« vor einem Auswertungscomputer.

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Einsatz mit extremer Belastung

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Die Bilder und Videos zeigen teils schwersten Missbrauch von Kleinkindern: Wenn Polizisten in Fällen von Kinderpornografie ermitteln, ist das kein leichter Job. Eine Gießener Beamtin erzählt aus ihrem Arbeitsalltag.

Es sind oft schlimme Bilder, die sich die Ermittler anschauen müssen. Aber ihre Arbeit ist wichtig - im Kampf gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch. Aus den Erfolgen schöpfen die Polizisten die Motivation, stundenlang vor dem Rechner zu sitzen und kinderpornografische Fotos und Videos zu sichten. So wie die 30 Jahre alte Sarah Schneider, Kriminaloberkommissarin beim Polizeipräsidium Mittelhessen.

»Durch die Aufgabe habe ich das Gefühl, wir bewegen etwas und können durch unsere Arbeit auch weitere Taten verhindern«, sagt sie. »Und wenn man ein Verfahren zu einem Erfolg führt, gibt das einem ein positives Gefühl.« Die Ermittler hätten stets im Hinterkopf, dass hinter jedem kinderpornografischen Bild ein sexueller Missbrauch steht.

Etwas bewegen können

Schneider hatte mehrere Jahre zu Diebstählen und Betrug ermittelt. Dann kam der Wunsch, sich dienstlich zu verändern, erzählt die Polizistin. Zu dem Zeitpunkt sei in Hessen die »BAO Fokus« gegründet worden. Die Organisation innerhalb der Polizei kämpft seit Oktober 2020 gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch. Intern wurde abgefragt, wer sich eine solche Aufgabe vorstellen kann, berichtet Schneider.

»Ich fand die Ermittlungsarbeit in dem Kommissariat, in dem Sexualdelikte bearbeitet werden, immer schon sehr interessant«, sagt sie. Als sie die neue Aufgabe dann begonnen habe, sei ihr klar geworden, welche Möglichkeiten und Ermittlungserfolge es gibt. Aber es gilt auch: »Die Bilder und Videoaufnahmen, die wir zu sehen bekommen, sind grundsätzlich schlimm.«

Wie geht eine junge Polizistin damit um, wenn sie sieht, wie Kinder - teils noch in Windeln - missbraucht werden? »Ich versuche, die Bilder und Videoaufnahmen erstmal neutral zu betrachten«, sagt Schneider. »Natürlich arbeitet das in mir, aber ich versuche, das Arbeit sein zu lassen.« Nach Feierabend versuche sie, die Bilder nicht mit nach Hause zu nehmen.

»Ich denke, jeder hat da ein Stück weit seine eigene Strategie, wie er das verarbeitet«, sagt die Polizistin. »Ich mache gerne Sport, ich gehe gerne Laufen, das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen.« Wenn sie merke, dass sie doch mal etwas belastet, tausche sie sich mit Kollegen aus. Im Polizeipräsidium werden auch Supervisionen oder Gespräche mit einer Psychologin angeboten.

Ähnliches berichten die Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden. »Die Arbeit im Team ist eine der Grundvoraussetzungen zur Ausübung einer solchen Tätigkeit«, heißt es aus der Fachabteilung. »Die gegenseitige Hilfe und Unterstützung kann dazu beitragen, die Tätigkeit über einen langen Zeitraum auszuüben.« Die Frage der Belastung sei sehr individuell. Die Einbindung in den Phänomenbereich erfolge schrittweise, sodass alle Beschäftigten prüfen können, ob sie der Aufgabe gewachsen sind.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen? »Man sollte ein Stück weit technisches Verständnis im Umgang mit PCs und Handys haben«, sagt Polizistin Schneider. Neben Teamfähigkeit brauche man aber auch emotionale Stabilität und psychische Belastbarkeit. Die Auswertung der Bilder macht zwar einen großen Teil von Schneiders Arbeitsalltag aus - aber nicht nur. Dazu zählen auch viele Ermittlungen vom Büro aus sowie Durchsuchungen oder Vernehmungen. - Beim Sichten von Beweismaterial geht es unter anderem um die Frage, welches Foto oder Video strafrechtlich relevant ist. »Ein kinderpornografisches Bild beginnt da, wo für den Betrachter das Augenmerk auf dem Intimbereich liegt - da muss keine sexuelle Handlung an dem Kind gezeigt werden«, erklärt Schneider. »Kinderpornografie gibt es schon von Kleinstkindern, die noch Windeln tragen - und geht hoch bis ins Jugendlichenalter.«

Kindesmissbrauch sei ein sogenanntes Dauerdelikt, erklärt die Polizistin. »Wenn ein Täter diese sexuellen Neigungen und Fantasien über Sex mit Kindern hat, versucht er seine Fantasien anhand der Bilder ein Stück weit auszuleben.« Und Kinderpornografie stehe im Zusammenhang mit dem Austausch von Bildern. »So sammeln Täter dann über die Jahre - die Datenmengen werden immer größer.«

Davon berichten auch die BKA-Experten. Pädokriminelle bewahrten oft alle kinder- oder jugendpornografischen Dateien auf, die sie jemals erhalten haben. Die meisten Hinweise auf Kinderpornografie kämen vom US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Dieses übersende Verdachtsmeldungen täglich dem Bundeskriminalamt als Zentralstelle der deutschen Polizei.

Hinweise aus den USA

»Das NCMEC wiederum empfängt die Hinweise von den großen US-amerikanischen Internet-Providern, die auch mittels Detektionstechnologien ihre Datenbestände aktiv durchsuchen«, erläutern die BKA-Experten. Daneben seien spezialisierte Einheiten in aller Welt täglich dabei, Missbrauchsabbildungen zu finden und für die Strafverfolgung im jeweiligen Staat zugänglich zu machen.

Die Gießener Ermittlerin Schneider berichtet, dass ihr Team über Recherchen im Internet auf Fälle aufmerksam wird, über Verfahren in anderen Bundesländern - oder wenn es bei der Auswertung eines Datenträgers Hinweise etwa auf Tauschpartner gibt. Neben Tipps aus der Bevölkerung hilft manchmal auch der Zufall: Bei Mäharbeiten im Landkreis Gießen war auf einer Wiese ein Smartphone gefunden worden, wie Schneider berichtet. Der Finder brachte es zur Polizei. Das Gerät sollte an den Besitzer zurückgegeben werden. Beim Auslesen des Handys wurde ein kinderpornografisches Video gefunden. Inzwischen sei gegen den Mann Anklage erhoben worden.

Die »BAO Fokus Besondere Aufbauorganisation« (»Besondere Organisationsstruktur gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch von Kindern«) ist im Landeskriminalamt (LKA) zentral angesiedelt und hat in sämtlichen Polizeipräsidien Regionalabschnitte gebildet. Insgesamt 134 Ermittlerinnen und Ermittler verfolgen gezielt Sexualverbrechen an Schutzbefohlenen. Dabei setzt die »BAO Fokus« auch Zielfahnder ein.

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