Johannes Krautheim
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Johannes Krautheim

Einsam oder gemeinsam

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Gießen(pm). Die Weihnachtsmärkte fallen aus, große Weihnachtsfeiern sowieso und das Familienfest kann wohl nur im allerengsten Kreis stattfinden: In diesem Jahr ist im Dezember alles anders als sonst. Was macht das mit den Menschen und was kann man tun, um trotz allem gut durch die Feiertage zu kommen? Dazu nimmt Dr. Johannes Krautheim Stellung. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberarzt am Vitos-Klinikum Gießen-Marburg. Er mahnt, dass gerade in dieser Zeit die Menschen erreicht und unterstützt werden müssten, für die auch schon vor der Pandemie Hürden für soziale Teilhabe bestanden hätten. Sie spürten "Einsamkeit und Isolation nun umso stärker".

Frühzeitig Hilfe holen

"Weihnachten 2020", betont Krautheim, könnte zu einem Fest werden, von dem man noch in 50 Jahren berichten werde, "da es uns noch einmal stark vor Augen führt, in welche Situation die Pandemie uns gebracht hat". Gleichzeitig sei zu erwarten, dass die Polarisierung der Gesellschaft weiter verstärk werde.

Für Menschen, die Probleme bei der sozialen Teilhabe hätten, steige das Risiko, eine Depression zu entwickeln. "Wer das Gefühl hat, eine depressive Episode zu erleben, sollte sich frühzeitig professionelle Hilfe suchen", betont der Mediziner. In der Regel, sagt Krautheim, helfe Licht, weil es antidepressiv wirke. In der dunklen Jahreszeit fehle es aber. "Und natürlich ist es daher gut, unsere Ressourcen, wie zum Beispiel unsere Sozialkontakte oder persönliche Interessen, stärker zu aktivieren", betont er. Hier muss in der gegenwärtigen Situation jeder von uns im Rahmen seiner Möglichkeiten improvisieren. Eine wei tere Hilfe seien Rituale. "Sie geben unserem Körper und unserem seelischen Empfinden wichtige Signale." Krautheim nennt das weihnachtliche Schmücken des Zuhauses oder das Backen von Plätzchen. "Und auch die klassische Weihnachtskarte ist eine schöne Geste, die sagt: Ich denke an Dich und Du bist mir wichtig."

Der Mediziner unterstreicht, wie wichtig es ist, in dieser Zeit anderen Menschen beizustehen. "Es gibt unzählige ermutigende Beispiele auf der privaten oder Vereinsebene sowie in professionellen Kontexten, wo Menschen Hürden überwunden haben, um anderen Lichtblicke im Alltag zu verschaffen", sagt Krautheim. Im Moment hätten solche Dinge eine besonders hohe Relevanz für die Betroffenen. Sei es, der älteren und mobil eingeschränkten Dame von nebenan den Einkauf vor die Tür zu stellen oder für die beste Freundin zumindest am Telefon da zu sein, wenn diese einen braucht, weil ihr die Decke auf den Kopf falle. "Schon Kleinigkeiten können hier etwas bewirken und das Gefühl des Zusammenhalts stärken." Es gehe nun darum, andere Menschen wahrzunehmen.

Der Oberarzt betont, die Pandemie fühle sich für viele "wie ein Ultramarathon" an. Wichtig sei, sich darauf zu konzentrieren, was man selbst tun könne - und nicht darauf, was sowieso nicht zu ändern sei. "Achte darauf, wie viel Kraft du noch hast und wende dich an dein soziales Umfeld und an dein professionelles Hilfenetzwerk, wenn die Reserven zu Ende gehen", rät Krautheim. "Schaffe dir bewusst schöne, wohltuende Momente im Alltag, um Kraft zu tanken." Wichtig sei es auch, sich nicht den ganzen Tag mit Problemen dieser Welt oder der eigenen sozialen Situation zu beschäftigen.

Zeichen des Zusammenhalts

Ob es etwas Positives gibt, das der Oberarzt aus der aktuellen Situation zieht? Das falle ihm aufgrund des Leids, das die Corona-Pandemie hervorgerufen habe, schwer, sagt er. "Gleichzeitig bin ich immer wieder vom Engagement und der Kreativität vieler meiner Mitmenschen überwältigt." Es gebe über die Distanz und die neuen Hürden hinweg viele Zeichen der Menschlichkeit und des Zusammenhalts: "Das ist ermutigend."

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