Einrichten im Übergang

  • vonDoris Wirkner
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Das Notaufnahmelager im Meisenbornweg war für die Menschen, die hier ankamen, der erste Ort der Freiheit. "Einrichten im Übergang", so nennt die Historikerin Jeannette van Laak die Geschichte und Geschichten der bundesweit bedeutsamen Einrichtung am Rande der Stadt.

Das Rauschen der Züge ist nur schwach zu hören. Oberhalb von Gleis 1 ist der Gießener Bahnhof am Donnerstagabend während der Lesung des Literarischen Zentrums ein Ort zum Innehalten. Für rund ein Viertel der 4,5 Millionen Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der DDR hier ankamen, war es eine weichenstellende Zwischenstation. Am Ende des Krieges liegt die Stadt in Trümmern, allein der Bahnhof ist weitgehend unbeschädigt. Und wird so zum Drehkreuz zwischen Ost und West.

Mit Interviews und unzähligen Akten hat die Historikerin Jeannette van Laak das Notaufnahmelager dem Vergessen und der Unsichtbarkeit entrissen. Über zwei Brücken führt der Weg in den Meisenbornweg, ein Ort, der für die Gießener selbst eher eine Nebenrolle spielt. Am Rande der Stadt gelegen, architektonisch unauffällig, war das Lager ein "exterritorialer Parallelort", so van Laak. Und auch organisatorisch ein Fremdkörper.

Während das Land für die Unterbringung zuständig ist, ist das Augenmerk des Bundes vor allem darauf gerichtet, Bundesbürger aus den Ankömmlingen zu machen. Zwar regelte das Grundgesetz, dass alle DDR-Flüchtlinge bundesdeutsche Staatsbürger waren, doch mit der Notaufnahmeregelung behielt sich die Bundesregierung vor, hier genauer hinzusehen. Dass sie dabei durchaus einen breiten Interpretationsspielraum nutzte, um politische Interessen zu vertreten, konnte Laak durch das Studium der zahlreichen, schwer zugänglichen Akten belegen. Denn neben der Gefahr für Leib und Leben, einer Zwangslage oder Vertreibung behielt man sich "Ermessensgründe" vor.

Auffällig sei, so die Historikerin, dass die Entscheidung vor allem bei Personen positiv ausfiel, von deren Aufnahme man sich Vorteile erhoffte. Etwa bei gut ausgebildeten Juristen, die sich schnell in das bundesdeutsche System integrieren konnten. Der alleinstehenden Heimatvertriebenen 54-jährigen Helene R. hingegen wurde eine Zwangslage nicht zugestanden. Auch der zweifachen Mutter Berta B. wurde eine Aufnahme nach der Notaufnahmegesetzgebung verweigert.

Während die meisten sich nur wenige Tage in diesem Lager in der Stadt aufhielten, mussten manche auch mal Monate warten, um den Schritt in die bundesdeutsche Gesellschaft zu schaffen. Abgewiesen wurde indes keiner. Dennoch, so zeigt van Laak im zweiten Teil ihres Buches, das der erinnerten Geschichte gewidmet ist, dass bei den Migranten selbst kaum nennenswertes über ihren Aufenthalt in Gießen hängen geblieben ist.

Das hat durchaus Parallelen zu den Erinnerungen aus anderen Lagersituationen. Orte, an denen man nicht hängt. Das Notaufnahmelager war nur eine notwendige Weiche auf dem Weg in ein anderes Leben. Die Reise hatte für alle bereits lange vorher begonnen. Oft plagten sich ganze Familien jahrzehntelang mit der Frage nach dem "Gehen oder Bleiben?". Die existenzielle Entscheidung war in Gießen bereits getroffen. "Es war, als sei eine Lokomotive angeschoben", erklärt einer die Erinnerungslücke. Nun war man nicht mehr in der DDR, aber auch noch nicht in der Bundesrepublik.

Was die Ostflüchtlinge mit den Flüchtlingen von heute verbindet, ist daher das Gefühl, am liebsten unsichtbar zu sein, nicht erkennbar als quasi und de facto staatenloser Mensch. Wichtig war erst wieder, was danach geschah. Eine Wohnung und Arbeit finden, vielleicht eine gute Schule für die Kinder. Dennoch war in dieser Stadt zum ersten Mal das zu sehen und zu spüren, wonach man sich seit Jahren gesehnt hatte. Modern und bunt kam den Übersiedlern die Stadt vor. Auch dies ein Erleben, das sie mit den Flüchtlingen von heute verbindet.

Für die meisten führte der Weg in ein anderes Bundesland, dem sie nach Kontingenten zugewiesen wurden. Manche fanden Anschluss bei Verwandten. Einige blieben in Gießen. Viele nutzen in der Stadt die neue Freiheit, nun selbst entscheiden zu können, das Abitur zu machen oder zu studieren. Ein Beispiel also auch für eine gelungene Integration.

Volker Bouffiers Idee, den "Meisenbornweg", wie er im Gießener Sprachgebrauch heißt, zu einer Gedenkstätte zu machen, griff Stadtarchivar Ludwig Brake daher gerne auf. Es sei ein idealer Ort, um das Thema Migration sichtbar zu machen, die Teil der deutschen Geschichte und der Stadt ist, wie der Berliner Platz oder das Stück der Berliner Mauer vor dem Bahnhof.

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