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Die Innenstadt als große Fußgängerzone mit Radverkehr. Das wünschen sich die Gießener Verkehrswende-Initiativen. FOTO: CSK

Es war einmal in Houten

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Um die "autofreie Innenstadt" sollte es beim vorletzten Vortrag des Uni-AStA zur viel zitierten Verkehrswende gehen. Gastredner Arjen de Boer stellte am Beispiel der Stadt Houten vor, was möglich ist. Autofrei indes ist auch die Vorstadt von Utrecht nicht.

Verstopfte Straßen kennt man auch in Houten. "Immer wieder beschweren sich Leute, dass sie kaum noch durchkommen", berichtete Arjen de Boer seinen zahlreichen Zuhörern am Donnerstagabend in der Alten Universitätsbibliothek. Klingt völlig normal - ist es aber überhaupt nicht. Denn was in der niederländischen 50 000-Einwohner-Gemeinde den öffentlichen Raum einengt, sind meist keine Autos. Sondern Fahrräder. Die Innenstadt von Houten ist fast autofrei und gilt deshalb international als Blaupause für moderne urbane Mobilität. Das wiederum klinge "im Grunde wie ein Märchen", gestand de Boer im vorletzten Teil der Reihe "Verkehrswende in und um Gießen", organisiert vom Uni-AStA und lokalen Verkehrswendeinitiativen.

Dieses Märchen beginnt Ende der 1970er Jahre. Damals wurde politisch beschlossen, das 4000-Seelen-Dorf zur Wohnstadt fürs zehn Kilometer entfernte Utrecht zu machen, erzählte de Boer.

Stadt am Reißbrett geplant

Das müsse jeder wissen, der die Frage des Abends beantworten wolle: "Autofreie Innenstädte - Was kann man von Houten lernen?" Das Musterbeispiel ist ein Sonderfall, am Reißbrett geplant und auf die Bedürfnisse von Radlern und Fußgängern ausgerichtet. Heute bestreiten die Einwohner die Hälfte ihrer Fahrten unter 7,5 km per Rad und ein Fünftel aller Wege bis 15 km.

Damit hatte der Aktivist aus dem Radfahrerclub "Fietsersbond" bereits zwei Kernpunkte angerissen. Das Konzept gehe ursprünglich zurück auf politische Initiativen. Und Autos seien mitnichten total verbannt. Laut de Boer provozierten die Visionen anfangs jede Menge Widerstand. "Aber heute möchte keiner mehr in die alte Zeit." Das Funktionsprinzip der "autofreien Innenstadt" ist rasch erklärt: Eine Ringstraße führt Pkw ums Zentrum herum. Stichstraßen ragen hinein, sind aber untereinander nicht verbunden. Stattdessen durchzieht ein Netz von Fahrradstraßen die City. Überall, wo sich Rad und Auto begegnen, hat Ersteres Vorrang. Wer mit dem Pkw kommt, stellt ihn im Parkhaus am Innenstadtrand ab.

Busse spielten allenfalls eine untergeordnete Rolle, so de Boer. Dafür seien Zugverbindungen von und nach Houten umso komfortabler. Das Zentrum wirke "viel gemütlicher" und "lebenswerter" als früher. Die Geschäftsleute hätten erst zu den lautesten Bedenkenträgern gehört, später jedoch wenig Einbußen bemerkt. Inzwischen stelle sowieso der Onlinehandel die größere Gefahr dar. "Was muss eine Stadt denn sein?", fragte de Boer und antwortete gleich selbst: "Sie muss vor allem schön sein." Das bedeute freilich nicht unbedingt, dass in ihr keine Autos fahren. Autoarm statt autofrei trifft es besser, auch wenn der Titel der Veranstaltung anderes verhieß.

Es verlange aber sehr wohl, Prioritäten zu verlagern. Beispiel Fahrradstraßen: Ein paar neue Schilder reichten nicht aus. Wo Radler regierten, sei der Asphalt in Houten grundsätzlich rot. Bauliche Begrenzungen sorgten zusätzlich für Sicherheit, Ampeln seien am Ende überflüssig. Wichtige Ziele erreiche man auf dem Rad nun stets schneller als hinter dem Lenkrad. So lägen alle Schulen an Fahrradstraßen. Gleichwohl plädierte de Boer nicht dafür, Gießen binnen weniger Jahre zum nächsten Houten zu machen. Das verbiete sich schon wegen der vollkommen unterschiedlichen Bedingungen. Und um Akzeptanz zu gewinnen, müsse die Politik auf "kleine Schritte" setzen.

Radbereiche alle rot gestrichen

In der real existierenden "autofreien Stadt" ergeben sich dann tagein, tagaus geradezu märchenhafte Szenen. Da stehen Autofahrer morgens um acht gefühlte Ewigkeiten an einer Kreuzung, während der Strom der Schüler auf Fahrrädern unablässig an ihnen vorbeifließt. Ohne zu murren. Der eine oder andere Passant schimpft derweil über verstopfte Straßen. Weil überall Fahrräder stehen. "Eigentlich", sagte de Boer, "möchte ich euch einladen, mal selbst vorbeizuschauen." Eine perfekte Märchenwelt finde er in Houten eher nicht: "Es gibt bei uns noch sehr viele Möglichkeiten für Verbesserungen."

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