Die Rhythmusgruppe der hr-Bigband mit (von links) Peter Reiter, Martin Scales, Jean Paul Höchstädter, Hans Glawischnig und Tony Lakatos am Saxofon. FOTO: AXC
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Die Rhythmusgruppe der hr-Bigband mit (von links) Peter Reiter, Martin Scales, Jean Paul Höchstädter, Hans Glawischnig und Tony Lakatos am Saxofon. FOTO: AXC

Einfach doppelt gut

  • vonAxel Cordes
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"So what?": Die hr-Bigband feiert Miles Davis’ erste Europatournee vor 60 Jahren. Und das im Stadttheater gleich mit zwei Konzerten an einem Abend.

Die hr-Bigband hätte den legendären Trompeter Miles Davis (1926 bis 1991) sicher gerne ausführlicher gefeiert als nur 70 Minuten lang. Aber Dirigent und Arrangeur Jim McNeely freute sich dennoch, diesen traditionellen Termin im Stadttheater nicht auch dem großen "C" opfern zu müssen. Und in McNeelys US-Heimat sind es Konzertgänger ja eh gewohnt, dass an jedem Abend zwei eher kurze Shows stattfinden. Auch das Publikum war dankbar, das Quasi-Greatest-Hits-Programm live erleben zu dürfen.

Entspannt und hochklassig

Im Frühjahr 1960 war Davis zum ersten Mal mit eigener Band in Europa getourt und auch in Frankfurt aufgetreten. Tenorsaxofonist John Coltrane war kurz vor dem Absprung in seine kometenhafte Solokarriere, sodass es abgesehen von Cannonball Adderleys Abgang die Band war, die ein Jahr zuvor "Kind of Blue" eingespielt hatte, jenes dank seinen herrlichen Melodien und inspirierten Improvisationen im entspannten Modal-Jazz-Stil meistverkaufte, auch für wenig jazzaffine Musikliebhaber unverzichtbare Jazzalbum.

Auch der Miles-Abend im Theater beginnt mit "So What". Zum knorrigen Bass- intro hat McNeely vor allem tiefe Bläser hinzugefügt - dann legt die Band in dem forschen Tempo der 1960er Liveversionen los. Axel Schlosser macht den ersten Solo-Miles, Tony Lakatos den Solo-Coltrane. Heinz-Dieter Sauerborns Querflöte zu Hans Glawischnigs Bass-Solo erinnern ein wenig an Davis’ orchestrale Alben mit Arrangeur Gil Evans, etwa "Sketches of Spain".

"Walkin’", ein von Miles häufig gespielter Blues, hat ein ebenso prägnantes Thema und ist trotz schöner Soli von Posaune (Felix Fromm) und Piano (Peter Reiter) kürzer als die Liveversionen von 1960. "All Blues" ist ein weiteres Highlight von "Kind of Blue": Steffen Webers gefühlvolles Tenorsax und Martin Scales’ etwas zu leise abgemischte Gitarre veredeln die ebenso simple wie raffiniert das Blues-Schema variierende Komposition im ¾- (oder 6/8-)Takt.

Der Arrangeur schöpft die Klangfarben des Jazzorchesters lustvoll aus - sei es mit Rainer Heutes Baritonsax, Martin Auers Flügelhorn in "Bye Bye Blackbird" oder vier gestopften Trompeten plus Oliver Leichts Flöte in "Fran Dance". Nie hat man dank des dosierten Einsatzes von Holz und Blech den Eindruck, dass die Bigband-Arrangements den originalen Quintett-/Sextettversionen Gewalt antäten. Davis war 1960 noch mehr dem Klangideal des Cool Jazz als dem bisweilen hektischen Sound des zweiten Quintetts mit Herbie Hancock und Wayne Shorter verhaftet. Lediglich Tony Lakatos’ überblasene Soli testen ab und zu die Grenzen des weichen Wohlklangs aus.

Th. Monks berühmte Ballade "Round Midnight" und "On Green Dolphin Street" beenden das Konzert, aber natürlich gibt es noch eine Zugabe, für die sich McNeely selbst an die Tasten setzt: die unsterbliche Ballade "Blue in Green", ebenfalls von "Kind of Blue". Ein ebenso entspannter wie hochklassiger Abend, nachzuschauen auf Youtube.

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