Einfach mal abschalten

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Bereits mit neun oder zehn Jahren haben die meisten Kinder ein Smartphone - und damit oft auch freien Zugang zum Internet. Um sie darauf vorzubereiten, gibt es an der Ricarda-Huch-Schule ein Medienprojekt für Fünftklässler.

Seit diesem Schuljahr dürfen die Fünft- und Sechstklässler an der Ricarda-Huch-Schule (RHS) in Gießen ihr Smartphone nicht mal mehr in den Pausen benutzen. Trotzdem heben alle 23 Kinder einer fünften Klasse ihr Handy in die Luft, als der Schulsozialarbeiter Frank Unger sie fragt, wer sein Gerät dabei hat. Smartphones nehmen im Leben der Kinder eine große Rolle ein. Um sie auf diese Welt voller Möglichkeiten, aber auch Fallstricke vorzubereiten, gibt es an der kooperativen Gesamtschule ein Medienprojekt für Fünftklässler. In eineinhalb Stunden geht es zum Beispiel nicht um Deutsch, sondern um die Grundlagen digitaler Medien.

Unger benutzt gerne das Bild eines Vergnügungsparks, in dem es keine Erwachsenen gibt und Kinder selbst entscheiden können, was sie wie lange machen. Viele Fünftklässler johlen und lachen bei der Vorstellung. Irgendwann aber merkt ein Mädchen an, dass es auch riskant sein könnte, bestimmte Fahrgeschäfte zu nutzen, wenn keiner aufpasst. "Das Internet ist so ein Erlebnispark", sagt Unger dann. Und als er fragt, wer von den Kindern ins Netz geht, ohne die Eltern zu fragen, heben alle die Hand.

Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) hat jedes zweite Kind zwischen sechs und sieben Jahren ein Smartphone; mit elf Jahren sind es 90 Prozent. Was machen die Kinder damit? Aus den Fünftklässlern der RHS sprudelt es heraus: Videos gucken steht an erster Stelle, dann Spiele spielen und per WhatsApp kommunizieren. Fotos posten auf Instagram oder Videos drehen für Tiktok. Facebook und Twitter werden schon seltener genannt. Und ganz am Ende fällt einem Jungen ein, dass man mit dem Smartphone ja auch noch telefonieren kann.

Ein Spielplatz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten - aber nötig sei ein Sicherheitsgurt, sagt Unger in Anlehnung an sein Bild mit dem Freizeitpark und den Fahrgeschäften. Und diesen Gurt hat jeder dabei, muss ihn aber auch nutzen. Der Sozialarbeiter malt ein Gehirn und eine Glühbirne an die Tafel: "Hirn einschalten und mal eine Minuten lang nachdenken."

Zum Beispiel bei der Frage, welchen Spitznamen sich die Kinder im Netz geben. Welches Mädchen sich "Prinzessin2010" nenne, gebe zu viel von sich preis, betont Unger. "Warum nicht lieber Keks50?" Gleichzeitig sei im Internet nicht jeder der, der er zu sein scheint. Um den Kindern das zu verdeutlichen, hängt sich Unger ein Schild mit dem Namen "sweetgirl2010" um den Hals und eine Mädchenpappfigur vors Gesicht. Damit zeigt er ihnen, dass ein Nickname und ein Profilbild nicht der Realität entsprechen muss. "Ich bleibe trotz dieses Spitznamens und des Bildes vor meinem Gesicht ein 46 Jahre alter Mann."

Außerdem sei die Weitergabe der Adresse, der Telefonnummer und des Passworts keine gute Idee. Mehrere Kinder melden sich und sagen, dass sie sehr wohl ihre Passwörter an Freunde weitergegeben hätten. Unger zieht wieder Parallelen zum Alltag: "Ihr rennt ja auch nicht herum und verteilt euren Haustürschlüssel." Seine Passwörter zu offenbaren, sei kein Freundschaftsbeweis.

Unger betont, wie wichtig es sei, dass sich die Kinder an ihre Eltern wenden, wenn ihnen etwas merkwürdig vorkomme. Doch dafür braucht es auch offene Türen bei den Erwachsenen. Ein Mädchen sagt: "Wenn ich meiner Mutter erzählen würde, ich will mich mit einem Jungen treffen, den ich aus dem Internet kenne, würde sie mir eine Ohrfeige verpassen." Deshalb würde sie auch nicht mit ihren Eltern darüber reden. Unger schreitet ein. Manchmal sei es gut, sagt er dann, einen Erwachsenen ins Vertrauen zu ziehen. "Sie haben mehr Lebenserfahrung, auch wenn sie vielleicht weniger Ahnung von Smartphones haben."

Gleichzeitig appelliert der Schulsozialarbeiter an Eltern, sich für das zu interessieren, was ihre Kinder mit dem Smartphone machen. "Zuschauen, sich erklären lassen, wozu eine App gut ist und wie sie genutzt wird", sagt er. Verbote würden nichts bringen, aber klare Absprachen, wie lange ein Handy genutzt wird. Denn die Fünftklässler erzählen, dass ihre Geräte wahre Zeitfresser seien. "Es gibt eine große Gefahr, dass man gemeinsame Zeit verliert", betont Unger und spricht damit die Smartphonenutzung von Kindern und Eltern an. Deshalb lautet sein wichtigster Tipp am Ende der Doppelstunde: Auch mal das Handy weglegen - und ausschalten.

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