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Gedenkstätte für die Bombenopfer auf dem Kleinlindener Friedhof. FOTO: SCHEPP

Gedenkstunde in Kleinlinden

Einer der schrecklichsten Tage ihres Lebens

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Gießen-Kleinlinden(hin). Der Nikolaustag 2019 begann für die meisten Kinder mit einer süßen Überraschung. 75 Jahre zuvor, am 6. Dezember 1944, hatten Kinder in Kleinlinden einen der schrecklichsten Tage ihres Lebens erlebt. Zeitzeugenberichte, vorgetragen von Schülern der Brüder-Grimm-Schule, mahnten am Freitag zu Frieden und Verständigung. Mehr als hundert Menschen starben bei dem Bombenangriff auf Kleinlinden. Pfarrer Ekkehard Landig, Stadträtin Astrid Eibelshäuser und Ortsvorsteher Dr. Klaus Dieter Greilich forderten dazu auf, die Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart zu verstehen. Die Gedenkstunde in der evangelischen Kirche wurde vom Posaunen- und Kirchenchor umrahmt. Mit Glockenläuten erinnerte die Kirchengemeinde an die Stunde des Angriffs.

Wer als Zeitzeuge den 6. Dezember 1944 erlebt hat, mag die Glocken am Abend mit besonderen Emotionen vernommen haben. Ähnlich berührend war es für sie vermutlich auch, als Niklas Wöhrnle, Tom-Leo Behrendt und Lisa Müller Berichte von Zeitzeugen zitierten. Kurt Schmidt war einer dieser Zeugen. Er wohnte damals in Bernhardtshausen und war mit Mutter und Cousin in den Luftschutzkeller in der heutigen Wilhelm-Jung-Straße geflüchtet. Schmidt überlebte, seine Mutter und sein Cousin konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden. Hugo Weigel war zehn Jahre alt, als die Bomben kamen. Er weiß noch, wie sein Nachbar durch die Wetzlarer Straße lief, um seine verschüttete Enkelin zu bergen. Als besonders ergreifend erwies sich die Geschichte von Margret Wächter. Sie überlebte, weil ein Feldwebel mit seinem Zug in Gießen gestrandet war. Er und ein polnischer Zwangsarbeiter halfen bei der Suche nach Verschütteten.

Eibelshäuser riet, sich der Ursachen des von Deutschland ausgehenden Vernichtungskrieges zu vergewissern. "Der Krieg kam zurück", sagte auch Greilich. Er gedachte der Toten des Angriffs auf Coventry. Greilich warnte vor den neu aufkommenden nationalistischen Tenzenden in Europa. Pfarrer Landig forderte auf, sich nicht mit der Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Einheimischen und Fremden und mit dem Export todbringender Waffen abzufinden. Die Schüler Leo Hildebrand und Paul Dreysse präsentierten die Chronik des 6. Dezember 1944 in Kleinlinden. Lotta Scharré rezitierte ein Gedicht. Der Kirchenchor intonierte "Agnus dei" von Gioachino Rossini und "Verleih uns Frieden" von Felix Mendelssohn Bartholdy.

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