Wort zum Sonntag

Von einer Kraft zur anderen

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Eine merkwürdige Spannung liegt über der Szenerie: Der Autoverkehr ruht, auf beiden Seiten des Zebrastreifens haben sich lange Schlangen gebildet. Stillstand. Aber etwas ist anders als sonst. Jetzt sehe ich den alten Mann, der langsam Schritt für Schritt seinen Weg über die Straße geht. Er hat eine stattliche Figur, sein massives Schuhwerk will nicht so recht zur sonst sommerlichen Kleidung passen. Er muss diese Schuhe tragen, sonst könnte er nicht mehr laufen. Sein Gehstock ist sein Halt. Er ist halbseitig gelähmt, nur mühsam kann er einen Fuß vor den anderen setzen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er drüben ankommt. Eine echte Geduldsprobe. Dann kommt wieder Bewegung in die Szene, es wird hektisch, das Leben nimmt wieder seine normale Geschäftigkeit auf.

Auch wenn sich wahrscheinlich viele Eilige ärgern, dass "gerade jetzt" dieser langsame Mensch die Straße blockiert - alle sind froh, dass nicht sie selbst es sind, die dieses Schicksal getroffen hat. Verdichtet in diesem Moment wird mir bewusst, wie zerbrechlich und verletzlich doch das Leben ist.

Schon oft habe ich mit diesem Mann gesprochen, ich kenne ihn seit Jahren. Immer wieder mal begegnen wir uns auf der Straße. Ich weiß nicht, warum er seine Behinderung hat, er hat noch nie davon erzählt. Er beklagt sich auch nicht darüber. Er scheint mir vielmehr ein Mensch zu sein, der sehr versöhnt ist mit allem. Er ruht irgendwie in sich selbst. Sein Humor ist eine Stärke, und er ist immer interessiert an allem, was man zu erzählen hat. Täglich geht er eine Runde, um in Bewegung zu bleiben. Das dauert immer Stunden, aber Zeit hat er ja.

Ob ich das auch könnte? Meinen Frieden machen mit einer solch herausfordernden Situation? Natürlich muss man sich mit allem arrangieren, was einem im Leben zustößt. Und das ist im Laufe der Jahre ja eine ganze Menge. Aber ob ich nach einer grundlegenden Einschränkung in meinem Leben die Kraft fände, wirklich zu einer Versöhnung zu gelangen? Ich wünsche es mir. Und ich vertraue darauf, dass mir die nötige Kraft "zu-fällt", die ich brauche. Das jemand anderes sie loslässt, und sie so zu mir kommen kann. "Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott." (Psalm 84)

Pfarrer Klaus Weißgerber

Evangelische Stadtkirchenarbeit

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