+

Für einen Tag autofrei

  • schließen

Wer Neues ausprobiert, will es vielleicht für immer!? Die Gießener hatten beim zweiten "Aktionstag zur Verkehrswende" am Samstag die bislang einmalige Gelegenheit, eine Fahrradstraße zu testen. Die Stadtverantwortlichen hatten die untere Bahnhofstraße in einem Verkehrsversuch als solche ausgeschildert.

Im Zuge des zweiten Verkehrswendetages und im Vorfeld der anschließenden Nachttanzdemo präsentierten sich am Samstag unter dem Motto "Raum zum Leben, Luft zum Atmen" viele Initiativen. Das Echo aus der Bevölkerung war überwiegend positiv.

Während die obere Bahnhofstraße ab Flutgraben bis zum Anlagenring komplett gesperrt und meist fahrzeugfrei war, fand an der unteren Bahnhofstraße ein Straßenfest statt. An zahlreichen Ständen konnte man malen, basteln, sich informieren und Kleinigkeiten essen. Im Gegensatz zum letzten Aktionstag in der Neustadt am 3. Mai blieb die Straße jedoch frei, denn die Fahrbahn war Zweirädern und Bussen vorbehalten. "Wir wollen realistisch testen, wie eine Fahrradstraße in Gießen funktioniert", erklärte Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt in Reiskirchen und bis auf die regelmäßig verkehrenden Stadtbusse klappte das dank Unterstützung des Ordnungsamts recht gut.

Auf der östlichen Seite der Fußgängerzone fand das zweite Vorfest im Theaterpark statt: Auch hier gab es Infostände und Mitmachaktionen wie ein Repair-Cafe, eine Kleidertauschparty und Essen von Foodsharing Gießen. Michelle von "Extinction Rebellion" erklärte, warum die Protestorganisation gegen das Massensterben infolge der Klimakrise mit dabei ist: "Es heißt immer Verkehrswende, dabei geht es doch um viel mehr als Verkehr. Wir wollen der Stadt zeigen, welche Aspekte sich noch ändern können, wenn es mehr Raum zum Leben gibt." #

Raum zum Leben, Luft zum Atmen

Auf dem Platz vor dem Universitätshauptgebäude trafen schick gekleidete Besucher der Absolventenfeier der Zahnmedizin auf die bunten Aktivisten von KultLab. Um die Feier vor der Demonstration zu schützen, war eigens ein Sicherheitsdienst engagiert worden, der sich jedoch als überflüssig herausstellte: "Ärger gab es keinen - vielleicht auch, weil wir da waren", kommentierte einer der Securitykräfte. Die ehemaligen Unigebäude-Besetzer hatten Sofas und musikalische Unterstützung mitgebracht. Sozialwissenschaftsstudentin Patricia betonte, dass es nicht nur um Gießen gehe: "Freiräume fehlen überall, das geräumte Havanna 8 in Marburg ist ein aktuelles Beispiel dafür. Subkultur wird stigmatisiert, das darf nicht sein!" Sie verwies auf Brandanschläge auf linke Projekte in Frankfurt und, dass die für den Aktionstag in Gießen gebastelte Straßenbahn zerstört worden sei. "Wir kennen die Verantwortlichen und hoffen, dass diese zur Rechenschaft gezogen werden."

Das Regiotram-Modell sollte eigentlich zwischen der Bahnhofstraße und dem Bahnübergang in der Frankfurter Straße demonstrieren, wie das Umland mit der Stadt und dem Bahnhof besser verknüpft werden kann. Stattdessen erklang aus einem kleinen Wiederaufbau an der Einmündung Schanzenstraße laute Musik. Ein von der Polizei gesicherter Fahrradcorso, an dem auch die Dezernentin Gerda Weigel-Greilich teilnahm, verband die drei Feste miteinander.

Im virtuellen Escape-Room Invrinity stand zum ersten Mal an einem Samstagnachmittag die Tür offen: "Normal versteht man sein eigenes Wort nicht mehr und heute bekommen wir sogar frische Luft", war Anneka Bost begeistert. Solange die Anlieferung gesichert sei, könne sie mit der Situation sehr gut leben. Ähnlich äußerten sich auch der Juwelier Neustadt und Ingo Genrzi vom Plattenladen Music Attack. Vor dessen Tür bastelten Mitglieder von Greenpeace Pappschilder für Fahrraddemonstranten, während auf der anderen Straßenseite frische kurdische Spezialitäten feilgeboten wurden. Neben einem Stand zum Ausprobieren von Lastenrädern gab es unter dem Namen "Bella Città" (schöne Stadt) ein Popup-Cafe. Eva, eine der Verkäuferinnen aus dem Umfeld der Raumstation3539 berichtete, dass aus ihrer Sicht die Aktion gut angenommen worden sei: "Die Durchsetzung der Fahrradstraße hätte allerdings konsequenter sein können". Neues ist am Anfang eben ungewohnt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare