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Die Michaelskapelle im Stadtkirchenturm. FOTO: KHN

Mit einem Stein von der Last befreit

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Der tschechische Politiker und Menschenrechtler Václav Havel hat mal einen wunderbaren Satz über Hoffnung gesagt: "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal, wie es ausgeht." Der Spruch könnte gut in diesen kleinen Raum in der Mitte Gießens passen: die Michaelskapelle im Stadtkirchenturm. Hierhin kommen fast täglich Menschen, die persönliche Sorgen und Wünsche haben oder einen Sinn suchen. Nur finden sich dort im Eingang vor allem Sprüche des Reformators Martin Luther: "Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: Das ist eine Vorschrift für Fische."

Normalerweise wird die kleine Kapelle vormittags aufgeschlossen; dieser Tage jedoch sind die Öffnungszeiten wegen eines Krankheitsfalles eingeschränkt. Erst ab 14 Uhr ist der Eintritt möglich. Es ist kühl in der Michaelskapelle - aber immerhin nicht so feucht wie außerhalb der Mauern, wo der Wind unbarmherzig in die Glieder fährt und den Nieselregen ins Gesicht peitscht. Wo das Klackern der lilafarbenen Fahne der evangelischen Kirche die leere Stille des Kirchenplatzes übertönt.

Die bestuhlte Kapelle ist leer, das Licht im Inneren gedimmt. Eine Kerze steht auf dem steinernen Altar und flackert träge vor sich hin. Vor vier Jahren sprach Stadtkirchenpfarrer Klaus Weißgerber von einem düsteren, wenig aufmunternden Bild, das dieser Bereich der Kapelle abgebe: Auf dem Altar stand ein hölzernes Traditionskreuz mit der Kreuzigung Christi; darüber prangte das große Gemälde vom heiligen Martin, der im Kampf Satan besiegt. Seit der Einweihung der Kapelle 1952 wird auf diese Weise das Ende des Zweiten Weltkrieges symbolisiert.

Das Gemälde gibt es bis heute, nur das Kreuz wurde vor vier Jahren ausgetauscht. Heute gibt es dort ein Wendekreuz mit Vorder- und Rückseite; es wirkt wegen seiner Farbe wie ein Fixpunkt in der Kapelle. Vor dem Altar gibt es ein altes Taufbecken. Am Rand steht ein Glas mit Kerzen und ein Korb mit Steinen. Eine Kerze anzuzünden bedeutet, Danke zu sagen, einen Stein auf den Altar zu legen, Lasten abzulegen. Eine Kerze brennt zu dieser Zeit nicht, dafür liegen dort bereits drei Steine.

Dieser kleine Raum macht in der Kürze der Zeit demütig. Zum einen gibt es dort ein Buch, in dem manche ihre Nöte, Wünsche und Gedanken offenbaren. Zum anderen findet sich ein Schnellhefter, in dem auf 28 Seiten mit Schreibmaschinenschrift Namen vermerkt sind. Es sind die Toten und Vermissten des Zweiten Weltkriegs aus Gießen: von Adam über Klatyk und Tempel bis hin zu Zankredi. Beim Herausgehen aus der Kapelle wird man schnell wieder in die Realität zurückgeholt. Auf einem Behälter, in den Besucher Spenden werfen können, klebt ein Zettel. Darauf steht: "Diebstahl sinnlos, wird regelmäßig geleert." khn

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