Mit einem halben Jahrhundert Abstand

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Noch ist längst nicht alles Gold, was in der Erinnerung langsam zu glänzen beginnt. Mancher Silberstreif entpuppt sich bei genauerem Hinsehen sogar nur als graue Strähne. "Die Gestalten der Geschichte sind grau geworden", sagte Bernd Messinger bei der Präsentation seines Buches "Das Jahr der Revolte". Auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen sprach der Ex-Grünen-Politiker im Oskar-Singer-Raum der Universitätsbibliothek über "68" in Frankfurt. Mit einem halben Jahrhundert Abstand erlaube er sich inzwischen das eine oder andere Urteil über das Geschehen, leitete der 66-Jährige seinen Vortrag ein: "Das sollte heute möglich sein."

Noch ist längst nicht alles Gold, was in der Erinnerung langsam zu glänzen beginnt. Mancher Silberstreif entpuppt sich bei genauerem Hinsehen sogar nur als graue Strähne. "Die Gestalten der Geschichte sind grau geworden", sagte Bernd Messinger bei der Präsentation seines Buches "Das Jahr der Revolte". Auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen sprach der Ex-Grünen-Politiker im Oskar-Singer-Raum der Universitätsbibliothek über "68" in Frankfurt. Mit einem halben Jahrhundert Abstand erlaube er sich inzwischen das eine oder andere Urteil über das Geschehen, leitete der 66-Jährige seinen Vortrag ein: "Das sollte heute möglich sein."

1968 in Frankfurt

Die "sehr starken internationalen Einflüsse" auf Frankfurt hob er im Gespräch mit dem Gießener Politikwissenschaftler Prof. Claus Leggewie besonders hervor. Sie hätten die dortige Studentenbewegung maßgeblich geprägt – und ebenso das gesellschaftliche Klima, in dem sie wirkte. Streng genommen sprach Messinger dabei nicht aus der Sicht der "68er" selbst, sondern aus der ihrer direkten Nachfolger, der Spontis: 1952 geboren, habe er die Entwicklungen an den Hochschulen erst seit Anfang der 1970er-Jahre wirklich hautnah miterlebt.

Während Leggewie just 1968 ein Studium in Köln aufnahm, besuchte sein Gesprächspartner zur selben Zeit noch eine Schule in Hessen. Der antiautoritäre Wind von den Universitäten sei jedoch schon bald zu spüren gewesen, erzählte der frühere hessische Landtagsabgeordnete. Vor allem der Unterricht bei jungen Lehrern sei ihm nun bisweilen "wie eine Befreiung" vorgekommen: "Plötzlich wurde zum Beispiel Hermann Hesse gelesen. Es ging um Individualität und die Auseinandersetzung mit der autoritären Vätergeneration."

Die Rolle der Kultur für "68" bildete folgerichtig einen weiteren Schwerpunkt in Messingers Vortrag. Auch das Buch, das er gemeinsam mit dem Journalisten Claus-Jürgen Göpfert geschrieben hat, räumt ihr viel Platz ein. Wesentlich zum Entstehen des Werkes beigetragen haben die Erinnerungen prominenter Weggefährten, etwa von Daniel Cohn-Bendit und Peter Härtling. In Gießen las Messinger einige kurze Passagen über die "Teach-in" genannten Diskussionstreffen der "68er" sowie über Debatten rund um den Vietnamkrieg.

So bekam das Publikum eine Vorstellung von der Atmosphäre der Zeit. Als "Freiheitsbewegung und Kulturrevolution" stehe "68" eigentlich für die Prozesse zwischen 1965 und 1970, erklärte Leggewie. Vom "subkulturell" angehauchten Köln aus habe Frankfurt "im Grunde hochkulturell" gewirkt, erinnerte er sich. Wichtig waren hier nicht zuletzt die Koryphäen der Kritischen Theorie um Adorno, Horkheimer und Marcuse. Wie Magneten hätten sie viele Studenten angezogen. Leggewie berichtete, er sei eine Zeit lang montags nach Frankfurt gefahren, um im legendären Hörsaal VI Vorlesungen über Ästhetische Theorie zu hören: "Verstanden habe ich da aber nichts."

Was die Werturteile betrifft, nannte Messinger auf Nachfrage eines Zuhörers noch zwei "historische Versäumnisse" der Studentenbewegung: "Viel zu spät" habe sie die Verbindungen zur RAF gekappt; und aufflackernden antisemitischen Tendenzen im öffentlichen Diskurs sei sie oft "erschreckend naiv" begegnet. Beides habe bei ihm "Wunden" hinterlassen. Insgesamt falle das öffentliche Urteil über "68" mit wachsender Distanz allerdings immer positiver aus, waren sich die Zeitzeugen einig.

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